Wärst du nur stumm

Nordrhein-Westfalen spielt „unerhört“ im RBZ

In bunten Kleidern und Hosen, mit Perücken in schrillen Farben und exzentrischem Make-up hüpfen die SpielerInnen über die Bühne, drehen ihre Arme in gekonnten Puppenbewegungen. Das Grün des Bühnenbildes lässt die Kostüme noch mehr strahlen. Die Gesichter lachen, kichern, weinen. Sie sind die Puppen eines Kindes, dessen Entwicklung sie miterleben und die sich in ihnen widerspiegelt. Ein Kind, das seine Stimme und seinen Weg von der Unmündigkeit zur Verantwortung findet. Ein Kind, das von seiner Umwelt durch Kritik und Komplimente beeinflusst wird, an das viele bedrückende Erwartungen gestellt werden und das letztendlich doch weiß, was es will: Sein. Mitbestimmen. Gehört werden.

Nordrhein-Westfalen stellt ein Stück mit der ausgefallenen Idee auf die Bühne, die Ängste und Sorgen in der Jugend eines Menschen zu erzählen, ohne dass dieser durch einen Spieler verkörpert wird. Die Puppen spiegeln das Kind selbst wieder: am Anfang sind sie kindisch und albern, später haben sie eigene Meinungen und wehren sich gelegentlich. Sie wollen es beschützen, kritisieren die Eltern und fühlen mit, wenn es traurig ist. Aber auch sie haben Erwartungen an ihren Schützling und hoffen, dass er Großes bewirken wird, allerdings sind sie es auch, die die hohen Erwartungen von Seiten der Eltern bemängeln.

„Ein Kind hat hundert Stimmen, hundert Sprachen, hundert Gedanken, aber 99 davon werden ihm genommen.“

Die Puppen stehen am Bühnenrand, mit eindringlichem Blick kritisieren sie den Menschen, dafür, dass er alles formen will, wie es ihm gefällt und dafür, dass er von allem, eine genaue Vorstellung hat – auch von seinem Kind… Die Eltern nähmen ihrem Nachwuchs Möglichkeiten und würden ihn so hinbiegen wollen, wie sie und die Gesellschaft es gerne hätten. Ein Mädchen darf kein Fußball spielen, denn es ist ja ein Mädchen. Wenn es aber fragt, ob es am Ballettunterricht teilnehmen darf, dann sind sie stolz. Das Kind darf nicht die Kleidung tragen, die ihm gefällt, es darf nicht mitentscheiden, selbst wenn es seine eigenen Anliegen betrifft, denn es ist ja nur ein Kind. Aber nein, „es ist IHR Kind!“, wird betont. Und seine Meinung sollte zählen.

„Wärst du nur stumm, dann würde deine Mama aufhören, dich zu manipulieren.“ Begleitet von einer Gitarre singen die SpielerInnen ein Lied, in dem sie Eltern diesen und weitere Vorwürfe machen. Die Botschaft in diesem Song ist klar: Die Eltern wenden sich gegen das Kind, beziehungsweise schaden ihm mit ständiger Kritik. Diese Szene ist übertrieben und inhaltlich undifferenziert, denn sie verallgemeinert und ignoriert die Seite der Eltern. Zumindest bezüglich der Manipulation, der Aspekt ständiger Kritik ist verständlicher.

„Ich erzähle meinen Lehrern nichts, denn sie hören mir sowieso nicht zu.“ Auch ungerechtes und rücksichtsloses Verhalten der Politiker und insbesondere der Lehrer werden angesprochen. Die Puppen spielen eine Szene im Klassenzimmer nach, in der die Lehrerin den Kindern sämtliche kreative Ideen verweigert. Sie fühlen sich nicht angehört und ignoriert. Auch hier ist die Kritik zwar verständlich, jedoch ungerecht allgemein dargestellt, denn es gibt genug Lehrer, die immer ein offenes Ohr haben, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen.

Das gesamte Stück ist schön anzusehen, die Moral ist klar: Kinder sollten gehört werden, mitbestimmen können. Vereinzelte Ballettelemente in den Choreographien runden das Ganze ab und liefern so manches ästhetische Bild. Die quietschigen Puppenstimmen werden im Laufe des Stückes jedoch etwas anstrengend und zwischendurch wirkt es schleppend, die Dynamik fehlt an manchen Stellen. Insgesamt ein gelungenes Stück mit einer außergewöhnlichen Idee bezüglich des Inhalts und der Darstellung. Trotz in mancher Hinsicht ein wenig ungerechter Vorwürfe, ein Gedankenanstoß und ein Schauspiel, das im Kopf bleibt.
Danke dafür.

Vorab-Interview Karo, NRW (PDF-Version)

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