Seelische Klaustrophobie

Bayern spielt „Spurensuche“ auf der Studiobühne

Bei uns in Hamburg gibt es eine Gedenkstätte: das KZ-Neuengamme. Mittelstufenschüler meiner ehemaligen Schule unternehmen jährlich eine Exkursion zu diesem riesigen unscheinbaren Gelände irgendwo zwischen Wandsbek und Bergedorf. Sie sollen konfrontiert werden mit den Schrecken des Nationalsozialismus. Dafür werden sie mit der S-Bahn einmal quer durch die Hansestadt gekarrt und nach einer bummeligen Juckel-Tour mit einem Linienbus vor dem nicht mehr vorhandenen Haupteingang des Lagers ausgespuckt. Wenn sie aussteigen, sind die meisten erst einmal enttäuscht: „Hier steht ja fast gar nichts mehr…“. In solchen Situationen platzt dem zuständigen Lehrer erfahrungsgemäß der Kragen, doch kann er wirklich erwarten, dass ein Ort über Generationen hinweg Geschichte vermittelt? Funktioniert die menschliche Empathie nicht anders? Die Theater-AG des Ernst-Mach-Gymnasiums Haar meint schon, und begibt sich auf eine interaktive Spurensuche nach der Euthanasie-Vergangenheit ihres Heimatortes, der sich der Zuschauer nur sehr schwer entziehen kann.

Euthanasie meint eigentlich Sterbehilfe, wurde von den Nationalsozialisten aber als Euphemismus für die systematische Ermordung und Sterilisation behinderter Menschen verwendet. Geht man mit diesem Vorwissen in die Vorstellung der Bayern, stellt sich bereits ein mulmiges Gefühl ein, wenn man zusammen mit den anderen Zuschauern den engen Gang zur Studiobühne des Kieler Schauspielhauses entlangdrängt. Aus dem abgedunkelten Raum wabert melancholische Musik. Beim Tritt über die Türschwelle stellt sich kurz die Assoziation eines Nachtclubs ein – das mit Zuschauern gefüllte Quadrat, welches den Großteil des Raumes einnimmt, sieht einer Tanzfläche nicht unähnlich. Die Darsteller aber, die an den Seiten des Raumes auf einem Laufsteg stehen und dem Publikum den Rücken kehren, unterstreichen den ernsten Tonfall der Musik und relativieren eine Nachtclubatmosphäre. Nachdem die Situation einige Minuten Zeit hatte zu wirken, wendet sich das Ensemble dem Publikum zu und das eigentliche Schauspiel beginnt. Ganz langsam ziehen sich die Figuren in eine Ecke des Raumes zurück und halten den Blickkontakt mit möglichst vielen Zuschauern aufrecht. Sie holen tief Luft und keifen mit maximaler Intensität: „Du!“ Der schneidende Befehlston geht durch Mark und Bein. Man fühlt sich erniedrigt, allein, unmittelbar gemeint. Ein Damm ist gebrochen und lässt die Einflüsse der nächsten 60 Minuten ungehemmt einfließen. Man kann nicht fliehen, ist dem Spiel, das die Darsteller mit einem treiben, schutzlos ausgeliefert. „Alle Personen unter 1,70 Meter gehen in diese Ecke, alle Personen über 1,70 Meter in jene!“ Einige Zuschauer überlegen, sich zu widersetzen, letztendlich geben alle nach. Man wird herumkommandiert, belehrt, eingeschüchtert – die enge des Raumes tut ihr Übriges, um eine seelische Klaustrophobie zu verursachen. In diese Simulation wird nun Wirklichkeit eingespeist. Biografische Ausschnitte verfolgter Personen tönen aus den Lautsprechern. Kein Buch und kein Kinofilm könnten der Empathie einen besseren Nährboden bereiten als diese körperliche Ausnahmesituation.

„Spurensuche“ möchte um jeden Preis berühren, ja zwingt regelrecht zur Betroffenheit. Vielleicht schießt die Gruppe übers Ziel hinaus und schabt an der Grenze zum Pathos, wenn sie mit roter Farbe „Leben lassen!“ an eine weiße Wand schreibt – mit solch einem Vorgehen kann man sich heutzutage wieder Feinde machen. Gerade hier wird aber auch der Mut deutlich, der das Stück ausmacht. Mut zur Wahrheit und zur Aufopferung, der als Gegenpol zu rechten Strömungen unerlässlich ist. Gerade junge Menschen sind ohne Enthusiasmus schwer zu erreichen und brauchen vielleicht statt Gedenkstättenbesuchen Erlebnisse wie dieses.

Vorab-Interview Annika, Bayern (PDF-Version) 

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