Der Löwe von der Saar

Sonntag, der Sechzehnte. Ein Tag, der rückblickend zum Knotenpunkt meiner Lebenslinien werden sollte. Der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Die alten Erzählungen berichten seit jeher von bedeutenden Männern. Die Attribute aber, die dieser außergewöhnliche Ehrenmann in sich vereint, hätte ich der Menschheit nicht mehr zugetraut. Die rote Sonne versank hinter dem Glockenturm der Stadt, als die Festgemeinde durch die weit geöffneten Tore des Opernhauses strömte. Arme Teufel. Hätten sie gewusst, wer unter ihnen weilt, sie hätten schon jetzt ihre Hüte in den Kieler Himmel geschleudert und den Erlöser durch die Straßen getragen. Heute frage ich mich manchmal, ob ich damals etwas gespürt habe. War an diesem Tag nicht irgendetwas anders? Fühlte sich nicht schon in den Morgenstunden alles getragener an, alles lebendiger? Heute bin ich mir ganz sicher, dass ich es gewusst haben muss. Das Schicksal hat ihn geschickt und eine Vorahnung vorausgesendet. Als ich meinen Platz im Parkett des gemeinen Volkes einnahm, spürte ich ein Ziehen von den oberen Rängen. Ich hob meinen Blick und ließ ihn über die Reihen der gehobenen Gesellschaft schweifen. Irgendwann, das wusste ich, irgendwann würde auch ich meinen Platz unter ihnen einnehmen. Noch war ich aber ein Nichts, ein gemeiner Hans Wurst in den Fängen des Proletariats. Der Abend nahm seinen Lauf, die Gemeinde vergnügte sich mit Gesang und Spiel und vergaß für einen Moment all die dunklen Wolken, die sich am Horizont zusammenbrauten. Morgen schon, das wusste ich, würden sie wieder ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nachgehen, ihren gewöhnlichen Sorgen und ihren banalen Ängsten. Ich aber, ich war zu Größerem bestimmt und daher war ich empfänglich für Zeichen. Da! Gesandtschaften aus verschiedenen Landstrichen erhoben sich zum Gruße von ihren Plätzen und zollten dem herzlichen Gastgeber Respekt. Ich war im Begriff einzudösen, als sich in meinem linken Augenwinkel Gewaltiges regte. Ein Hüne von einem Mann, ach was, ein Riese, wuchtete seinen gewaltigen Körper aus dem Sessel. Träumte ich? Lag ich im Fieber? Nein, ich wachte. Der Berg auf der Empore war ein Mensch aus Fleisch und Blut. In regional gefärbtem Ton brachte er sein Bedauern über das Fehlen seines Begleiters zum Ausdruck, der von einer Krankheit in die Knie gezwungen worden war. Ich horchte auf. Ein Begleiter? Aus dem fernen Saarland sei er gekommen, sein Treck habe Flüsse überqueren müssen, der Länge nach. Meine Gedanken schweiften ab. Was für ein Organ! Die tiefen Wellen seiner Stimme legten sich über das hypnotisierte Meer aus Köpfen. Nicht nur mich ließ seine Wirkung zerfließen, die Menge hing an seinen Lippen. Als er seine Rede schloss, brandete ein Sturm auf, den nur ein Tölpel noch als Beifall bezeichnen würde. In meinen Augen sammelte sich die Gischt. „Wer ist der junge Herr?“, brüllte ich meinem Nebenmann ins Ohr. „Der Herr? Wissen sie das denn nicht?“ Errötend gab ich es ihm zu. Mit einem gönnerhaften Lächeln legte er mir den Arm um die Schulter. „Das ist Sir Leo! Leo Lutz von der Saar!“ Seine Augen leuchteten bei diesen Worten, als wären sie glühende Kohlen. Ich blickte empor. „Leo“, raunte ich vor mich hin, „Der Löwe“. Der Opernabend zog an mir vorbei wie eine Galerie von halb entwickelten Bildern. Der Fokus lag auf meinem inneren Auge, vor dem ein junger Löwe majestätisch durch den Jägersburger Wald schritt. Das Saarland. Sehnsuchtsort meiner Kindheit und kühnsten Träume. Ich brauchte den Entschluss gar nicht erst zu fassen, er hatte mich gefasst: „Ich werde mit ihm ziehen.“.

Der Floh des Perfektionismus

Berlin spielt „Schön.Macht.Sein“ im Schauspielhaus

Nach einem amüsanten Gefüßel der Schüler-Moderatoren öffnet sich der Vorhang für die Theatergruppe der staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik Berlin und deren Eigenproduktion „SCHÖN.MACHT.SEIN“. Sie setzen sich mit dem Schönheitswahn und Selbstoptimierungszwang in der Gesellschaft auseinander und ziehen dabei interessante Parallelen zu ihrem alltäglichen Leben. Das Gerüst dieser Collage ist das Märchen vom Schneewittchen. Zusammen mit der „bösen Königin“ stellt sie die einzige durchgängige Figur dieser Inszenierung dar. Sie fungieren als Erzähler und werden geschickt als Instrument genutzt, um das Übertragen des äußeren Drucks, personifiziert durch Ärzte, in die Köpfe der Figuren zu verdeutlichen.

Auf einer weiß gestalteten Bühne stehen schlanke Körper in strahlend weißen Klamotten und richten den Blick ins Publikum – oder eher auf sich selbst: Sie scheinen in den Badezimmerspiegel zu schauen. Durch ihre Erscheinung bringen sie Licht in den dunklen Saal. Es ist die Unschuld und die Reinheit des Schneewittchens, die da auf uns wirkt. Die SpielerInnen tragen Augenbinden, auf denen wiederum Augenpaare aufgemalt sind. Im Scheinwerferlicht scheinen ihre Gesichter aus Porzellan zu sein. Standbilder sind die offensichtliche Stärke des Ensembles. Das erste zeigt die SpielerInnen in puppenartigen Posen, deren Steifheit und Körperspannung sie fast schon gruselig echt wirken lassen. Die Ärzte, erkennbar an ihren weißen Kitteln, betreten die Bühne. Es folgt eine Szene, die den tanzschulischen Hintergrund der SpielerInnen klar erkennen lässt; mit bis in die Fingerspitzen angespannten Armen folgen die Figuren abgehackt und puppengleich den fließenden Bewegungen der Ärzte – eine Sequenz, viel dahinter. Diese Bilder, die in ihrer Kraft vergebens auf ein Zusammenspiel mit ebenbürtigen sprachlich-inhaltlichen Aspekten warten, bilden die Höhepunkte der gesamten Vorführung.

Szene für Szene wird den Charakteren der Floh des Perfektionismus‘ tiefer ins Ohr gesetzt. Die dargestellte Gesellschaft drillt den Einzelnen zur nie endenden Problemsuche. Eine Figur lässt uns an ihren verzweifelten Gedanken teilhaben. Ehrlich und selbstreflektiert führt sie einen Monolog über die Zwänge, die sie sich im Laufe ihres Lebens selbst auferlegt hat; die sie wahrnimmt, verachtet und doch nicht mehr loswird. Man erkennt sich selbst darin wieder. Solche Szenen, in denen durch persönliche Geschichten das Oberflächliche und Kalte der Thematik durchbrochen und Nähe geschaffen werden soll, tauchen verteilt über das gesamte Stück immer wieder auf. Dabei gehen einem nicht alle so nah, wie die eben geschilderte. Viele Texte sind zu lang und unpersönlich. Sie sind nicht ausgespielt, sodass sie an Glaubhaftigkeit und Intensität verlieren und es nicht schaffen, den Zuhörer festzuhalten. Die SpielerInnen bleiben beim Offensichtlichen, bei dem, was man Freunden erzählen würde und was schon in Richtung der Wahrheit zeigt – doch da ist immer noch mehr. Dieses „mehr“ fehlt. Das „mehr“, was nur man selbst kennt. Es fehlt die Verletzlichkeit, die in anderen Szenen durch sehr bildhafte Sprache aussagekräftig getroffen wird. So zum Beispiel in einer Anekdote aus dem Leben einer Darstellerin, in der sie auf ihrem Weg zur Schule ihr eigenes Spiegelbild im dunklen Fenster der S-Bahn studiert.

Die Ärzte erscheinen ein letztes Mal. Sie verbinden, schmieren, sprühen, bearbeiten, korrigieren und optimieren, bis die Figuren kaum noch zu erkennen sind. Ein trauriges Bild, wie man sie auf der Bühne hocken sieht mit den operierten Gesichtern. Wie an Fäden gezogene Leichen stehen sie geistesabwesend und synchron auf – willenlose Zombies. Dies sind die krassesten Sekunden der Vorstellung, in denen man das süße Schneewittchen vom Anfang endgültig aus den Augen verloren hat. Nun stehen sie in engen hautfarbenen Klamotten auf der Bühne und sind weder hässlicher noch schöner als vorher.

Die Berliner liefern zwar einen gelungenen Überblick über das Thema, schaffen es bis zum Ende jedoch nicht, tiefer zu gehen als bis zur rein erklärenden Reproduktion von Erlebnissen. Es gab in der gesamten Performance wenige Gegenpole zur Schönheit, kaum einen einzigen Flecken Schmutz auf den weißen Shirts. Den Spielerinnen scheint ihr eigene Wirkung als Menschen, die für ihr Aussehen und ihre Anmut bewundert werden, nicht bewusst zu sein. Sie können sich daher nicht von einer oberflächlichen Darstellung lösen „und am Ende stehen sie da immer noch so schön!“ (O-Ton Blogredakteurin Alex).

Vorab-Interview Vanessa, Berlin (PDF-Version)

Vorab-Interview Lina, Berlin (PDF-Version)

Seelische Klaustrophobie

Bayern spielt „Spurensuche“ auf der Studiobühne

Bei uns in Hamburg gibt es eine Gedenkstätte: das KZ-Neuengamme. Mittelstufenschüler meiner ehemaligen Schule unternehmen jährlich eine Exkursion zu diesem riesigen unscheinbaren Gelände irgendwo zwischen Wandsbek und Bergedorf. Sie sollen konfrontiert werden mit den Schrecken des Nationalsozialismus. Dafür werden sie mit der S-Bahn einmal quer durch die Hansestadt gekarrt und nach einer bummeligen Juckel-Tour mit einem Linienbus vor dem nicht mehr vorhandenen Haupteingang des Lagers ausgespuckt. Wenn sie aussteigen, sind die meisten erst einmal enttäuscht: „Hier steht ja fast gar nichts mehr…“. In solchen Situationen platzt dem zuständigen Lehrer erfahrungsgemäß der Kragen, doch kann er wirklich erwarten, dass ein Ort über Generationen hinweg Geschichte vermittelt? Funktioniert die menschliche Empathie nicht anders? Die Theater-AG des Ernst-Mach-Gymnasiums Haar meint schon, und begibt sich auf eine interaktive Spurensuche nach der Euthanasie-Vergangenheit ihres Heimatortes, der sich der Zuschauer nur sehr schwer entziehen kann.

Euthanasie meint eigentlich Sterbehilfe, wurde von den Nationalsozialisten aber als Euphemismus für die systematische Ermordung und Sterilisation behinderter Menschen verwendet. Geht man mit diesem Vorwissen in die Vorstellung der Bayern, stellt sich bereits ein mulmiges Gefühl ein, wenn man zusammen mit den anderen Zuschauern den engen Gang zur Studiobühne des Kieler Schauspielhauses entlangdrängt. Aus dem abgedunkelten Raum wabert melancholische Musik. Beim Tritt über die Türschwelle stellt sich kurz die Assoziation eines Nachtclubs ein – das mit Zuschauern gefüllte Quadrat, welches den Großteil des Raumes einnimmt, sieht einer Tanzfläche nicht unähnlich. Die Darsteller aber, die an den Seiten des Raumes auf einem Laufsteg stehen und dem Publikum den Rücken kehren, unterstreichen den ernsten Tonfall der Musik und relativieren eine Nachtclubatmosphäre. Nachdem die Situation einige Minuten Zeit hatte zu wirken, wendet sich das Ensemble dem Publikum zu und das eigentliche Schauspiel beginnt. Ganz langsam ziehen sich die Figuren in eine Ecke des Raumes zurück und halten den Blickkontakt mit möglichst vielen Zuschauern aufrecht. Sie holen tief Luft und keifen mit maximaler Intensität: „Du!“ Der schneidende Befehlston geht durch Mark und Bein. Man fühlt sich erniedrigt, allein, unmittelbar gemeint. Ein Damm ist gebrochen und lässt die Einflüsse der nächsten 60 Minuten ungehemmt einfließen. Man kann nicht fliehen, ist dem Spiel, das die Darsteller mit einem treiben, schutzlos ausgeliefert. „Alle Personen unter 1,70 Meter gehen in diese Ecke, alle Personen über 1,70 Meter in jene!“ Einige Zuschauer überlegen, sich zu widersetzen, letztendlich geben alle nach. Man wird herumkommandiert, belehrt, eingeschüchtert – die enge des Raumes tut ihr Übriges, um eine seelische Klaustrophobie zu verursachen. In diese Simulation wird nun Wirklichkeit eingespeist. Biografische Ausschnitte verfolgter Personen tönen aus den Lautsprechern. Kein Buch und kein Kinofilm könnten der Empathie einen besseren Nährboden bereiten als diese körperliche Ausnahmesituation.

„Spurensuche“ möchte um jeden Preis berühren, ja zwingt regelrecht zur Betroffenheit. Vielleicht schießt die Gruppe übers Ziel hinaus und schabt an der Grenze zum Pathos, wenn sie mit roter Farbe „Leben lassen!“ an eine weiße Wand schreibt – mit solch einem Vorgehen kann man sich heutzutage wieder Feinde machen. Gerade hier wird aber auch der Mut deutlich, der das Stück ausmacht. Mut zur Wahrheit und zur Aufopferung, der als Gegenpol zu rechten Strömungen unerlässlich ist. Gerade junge Menschen sind ohne Enthusiasmus schwer zu erreichen und brauchen vielleicht statt Gedenkstättenbesuchen Erlebnisse wie dieses.

Vorab-Interview Annika, Bayern (PDF-Version) 

Eintausendneunhundertvierundachtzig Kreise

Sachsen spielt „Wer nichts zu verbergen hat“ im Schauspielhaus

Meckern – eigentlich wollen wir das ungern, müssen es aber leider manchmal. Vorab wollen wir daher klarstellen, dass die Kritikpunkte in diesem Text Meckern auf hohem Niveau sind. „Wer nichts zu verbergen hat“ ist ein starkes Stück und wie jede Rezension soll diese Rückmeldung vor allem eine Anregung sein.

Zunächst zum Inhalt: Die Schüler haben sich mit den Romanen „1984“ und „The Circle“ beschäftigt. Die Hauptthemen sind somit zum einen der Zwang zur Anpassung in der Gesellschaft und zum anderen die fortschreitende Digitalisierung. Auf der Bühne sieht man eine schwarze Leinwand, in deren Mitte ein kleines weißes Stofffenster eingelassen ist, das als eine Art Bildschirm fungiert. Die Spieler tragen anfangs schwarze Hosen und blaue Hemden und wechseln später erst zu schwarzen und dann zu weißen T-Shirts. Diese Änderung des Outfits lässt sich als ein Symbol für den Wandel der Gesellschaft deuten. Zeitgleich gibt es erste Anzeichen für den Wunsch nach Ausbruch aus der Gemeinschaft, da nicht alle Darsteller ihr Oberteil bereitwillig wechseln. Winston Smith, ein Charakter aus dem Roman „1984“, möchte außerdem nicht am gemeinschaftlichen Sport teilnehmen, lässt sich aber zunächst noch zwingen. Es geht weiter mit „The Circle“: „Warum brauchen wir noch das Wort ‚schlecht‘, wenn wir das Wort ‚gut‘ haben, wir könnten genauso gut einfach das Wort ‚ungut‘ verwenden.“. Je weniger Worte zum Ausdrücken von Emotionen vorhanden sind, desto schwieriger ist das Herausstechen aus der Masse – so der Gedanke der Machthaber. Der Wille soll gebrochen und die Gesellschaft maschinell werden. Erst in der Mitte des Stückes wird zum ersten Mal eine direkte Verbindung zum Titel hergestellt: „Hast du schonmal darüber nachgedacht, dass du nicht die einzige bist, die durch deine Frontkamera schaut?“ Im restlichen Teil der Inszenierung ist ein Bezug zu einer konkreten Botschaft nur schwer herzustellen. Ein weiterer Abschnitt beschäftigt sich mit der Problematik, dass mobile Endgeräte immer wichtiger für die Menschheit werden – vor allem für die heranwachsende Generation. Die dargestellte Sehnsucht nach der Freiheit, auch einmal nicht erreichbar sein zu müssen, ist groß, doch als einziger auszubrechen scheint unmöglich und niemand traut sich, die Revolution zu beginnen. Die Anfangsthematik des Stückes wird also wieder aufgegriffen, ohne dass eine Entwicklung stattgefunden hätte. Und da kommen wir auch schon zum Meckern. Dem gesamten Stück fehlt es etwas an Dynamik, was zum Beispiel durch lautes Anatmen und fehlende Synchronität bei chorischen Passagen hervorgerufen wird. Ein roter Faden war daher schwer auszumachen. Auch wenn die emotionslosen Texte absichtlich gewählt sein sollten, wirken sie sich negativ auf die Spannungskurve aus. Es fehlten einfach die Highlights. Die Sachsen haben in ihrem Stück sehr weit gedacht, aber nicht in jeder Hinsicht. Die Darstellung und Spannung halten mit dem Inhalt zweier Romane nicht Schritt und können ihn nur schwer vermitteln – es dreht sich etwas im Kreis.

Vorab-Interview Isabel, Sachsen (PDF-Version)

Maßvoll genießen

Hamburg spielt „Instagrammodels“ im Schauspielhaus

Vor Beginn des Stückes wird noch einmal ausdrücklich darum gebeten, erst am Ende Beifall zu spenden. Dass viele Zuschauer trotzdem immer wieder zum Szenenapplaus ansetzen, lässt schon erahnen, auf welche Zustimmung die Instagrammodels bei ihrer Prime-Time-Vorstellung am Dienstagabend stoßen.

Ein buntes Feld von Ballons liegt vor dem noch geschlossenen Vorhang und deutet das vielseitige Feuerwerk an, das in den nächsten 60 Minuten gezündet werden wird. Als der erste Akteur den Raum betritt, ist noch nicht ganz greifbar, ob auf den Zuschauer ein alberner oder lustiger Abend zukommt, denn der Darsteller setzt sich in Skimontur ans Piano und versucht mit Fäustlingen Klavier zu spielen. Das Resultat klingt jedoch überraschend gut und der Vorhang öffnet sich zu den Anfangsakkorden von Adeles „Someone like You“. Schon jetzt spricht nur noch wenig für reinen Klamauk, dafür ist das erste Bild zu ästhetisch in Szene gesetzt: Die singende Darstellerin steht auf der Spitze einer kleinen Barrikade, die aus Klamotten und Gepäck besteht. Sie steht im Lichtkegel und wirft einen großen Schatten auf die Bühnenrückwand. Wie Schaufensterpuppen liegen ihre Mitspieler ihr zu Füßen und schauen mit leerem Blick in unterschiedliche Richtungen. Über dem Menschenhügel im Ballonmeer schweben vier silberne Ballons, die den Schriftzug „2-0-1-8“ bilden – als Damoklesschwert schwebt die heutige Zeit über den Jugendlichen und wirft ebenfalls einen vielsagenden Schatten.

„(…) but sometimes it hurts instead.“ Die Schaufensterpuppen erwachen und es beginnt ein energisches Gezeter. Ihre Rolle am Fuß des Hügels gefällt ihnen nicht, sie wollen gefälligst auch im Rampenlicht stehen. Diese Spiegelung des zeitgenössischen Tunnelblicks stellen die Hamburger in einer Mischung aus Monologen und akkuratem chorischem Sprechen dar, die fesselt. Ein Auftakt für eine Reihe von Bildern, in denen so ziemlich jedes kontroverse Thema durchgearbeitet wird, das der Zeitgeist zu bieten hat: Entscheidungszwang, Schönheitsideale, Kapitalismus, Bindungsangst, Klimawandel. So viel zum Inhalt. Trotz der kritischen Ambitionen, die der Titel suggeriert, wurden wenige überraschende Denkanstöße gegeben, das Stück lebt von der Ästhetik und seiner Energie. Die Ballons hatten recht.

Die Kostüme schaffen die optische Basis. Die Hamburger sind einfach stilvoll gekleidet. Vor allem die Darsteller leicht versnobter oder skurriler Charaktere nutzten die Chance, um eine modische Extravaganz auszuleben, die im Alltag schwer unterzubringen wäre. Selbst rein symbolische Accessoires wie Rettungsringe wirken farblich nicht gänzlich aus der Luft gegriffen, hier wurde mit viel Liebe fürs Detail gearbeitet. Als Bühnenbild bleibt die Klamottenbarrikade eine Konstante, allerdings fängt sie mitunter an zu dampfen und wird von verschiedenfarbigem Bühnenlicht in Szene gesetzt. Das Auge ist also angenehm eingelullt, das Ohr aber hat den Jackpot gewonnen: Das Albert-Schweizer-Gymnasium gilt als eines DER Hamburger Musikgymnasien, weshalb die Regie akustisch aus dem Vollen schöpfen konnte. Bratschensolo, Posaunenbegleitung, Streicherquartett, Klavierbegleitung, klassischer Gesang und ein Ensemble, das auch als Chor hätte auftreten können – so macht Musiktheater Spaß.

Besonders ansprechende Momente entstehen, wenn die darstellenden Elemente mit der Musik verknüpft werden. So lässt eine live gesungene Choral-Begleitung ein übergroß gestreamtes Donald-Trump-Video einzigartig skurril wirken, indem es das Proletentum des Hauptdarstellers mit der eigentlichen Würde des Präsidialamtes in Kontrast setzt. Das Publikum johlt und müsste eigentlich schluchzen. Das ist vielleicht die große Gefahr, die von solchen Stücken ebenso ausgeht wie von populären Formaten der Kategorie „Neo-Magazin-Royal“. Lachen ist Schmerzmittel aber keine Medizin. Man macht gute Miene wegen des bösen Spiels und die permanente Ironie hebt die Wirkung der Inspirationsquellen nicht so grundlegend auf, wie man es gerne hätte. Zu viel Konsum macht hier eher zynisch, als dass er aufklären würde. In diesem Bild ist das Hamburger Stück ein Genussmittel. Kenne dein Limit.

Vorab-Interview Paula & Malte, Hamburg (PDF-Version)

Eck‘ nicht an!

Sachsen-Anhalt spielt „AndersWie“ im Schauspielhaus

Wie soll ich diese Rezension nur beginnen? Wahrscheinlich am besten wie es sich beim Titel des Stücks anbietet: „Anders wie.“

Der SDL-Tag ist schon fortgeschritten, als die Gruppe aus Sachsen-Anhalt den anderen SDL-Teilnehmern ihre Arbeit der letzten Tage und Monate präsentiert. Nach der Anmoderation finde ich mich also auf meinen Platz in der zweiten Reihe vorne Links am Rand wieder – von hier hat man alles genau im Blick. Auf der Bühne steht eine kleine Treppe, die wohl schon länger im Fundus anzutreffen war. Die Spielerinnen und Spieler betreten die Bühne mit schwarzer Hose, Hosenträgern und weißem Hemd. Mit dem expressionistischen Gedicht „Weltende“ beginnt das etwas andere Stück. Ich bin verwirrt und rechne mit einer Performance ohne fließenden Text. Ich denke mir: „Das schaffst du nicht, dazu war der Tag zu lang und zu anstrengend.“ Dieser Gedanke wird zum Glück von der nächsten Szene verworfen. Dicht gefolgt von zwei Spielern im Businessoutfit betritt eine Darstellerin die Bühne in einem blau karierten Kleid. In einer Hand hält sie eine Aldi-Tüte. Auf der Leinwand wird ein futuristisches Großraumbüro abgebildet – oder doch gleich der nächste Applestore? Wer weiß das schon. Die Geschäftsmänner reden von Billionenbeträgen und deren Vermehrung. Ganz klar, es muss klingeln in der Kasse und das so schnell wie möglich – man muss schließlich wieder Nummer 1 der Welt werden. Sie reden auf die Frau ein, die im Hintergrund in einer namhaften deutschen Zeitung mit rot-weißem Logo liest. Dieses Meisterwerk der Journalistenzunft berichtet ja bekannterweise nicht nur über die Trennung von Sarah und Pietro – keine Panik, Alessio gehts gut – sondern auch über die liebevolle Nachbarschaftsfürsorge von Till Schweiger. Also alles, was die Welt bewegt. Eben dieser Dame soll jetzt eine Investition verkauft werden, obwohl sie sich diese nicht leisten kann. In ihrer Argumentation sprechen unsere Meisterverkäufer davon, dass das Durchschnittsnettoeinkommen bei 1824€ liege und somit gar nichts gegen die Investition sprechen könne. Es wird somit indirekt gezeigt, wie individuelle Schicksale und Personen im System untergehen und dass für diejenigen, die nicht mit dem Strom schwimmen, kein Platz ist. Die Kernthese, die vermittelt wird, lautet in etwa: „Sei flexibel und eck‘ nicht an, ansonsten passen wir dich an.“ Das Stück findet seinen Höhepunkt in der Gameshow „Money oder Honey“. Der Moderator bittet auf aufdringliche Weise um das Beantworten systemkritischer Fragen. Letztendlich gewinnt nicht die Kandidatin, die alle Fragen richtig beantwortet, sondern diejenige, die so gut wie nichts weiß.

Mein Fazit: Die Aufführung gefällt vor allem durch ihre sozialkritische Thematik und die Energie der Spieler. Alle schienen wirklich Spaß zu haben –  rundum eine gelungene Show. Nur als ich bei meinem stehenden Applaus nicht viele Mitstreiter hatte, fragte ich mich, ob ich da vielleicht zu viel hineininterpretiert habe. Egal, vielleicht bin ich einfach „Anders wie“.

Vorab-Interview Josephine, Sachsen-Anhalt (PDF-Version) 

Eine Nacherzählung

Brandenburg spielt „Auf sich gestellt“ im RBZ

Dieses Stück nimmt sich vor, mit „Der Herr der Fliegen“ eine ganze Romanhandlung in 60 Minuten unterzubringen. Leider nimmt daher der Text etwas viel Raum ein. Um das zu verdeutlichen, hier eine Nacherzählung der Handlung, die vermittelt wurde:

Eine der Spielerinnen tritt hervor und spricht einen unheilsverkündenden Text. Es ist die Art, wie Sie ihn spricht – gewissenslos. Zwei andere Spielerinnen fangen an sich kennenzulernen. Jack kommt ins Spiel. Die ganze Bühne einnehmend, wirkt er wie von Gewalt geprägt. Die Nahrungssuche ist für ihn ein Spiel, denn Töten ist ihm ein Leichtes. Seine ganze Körperhaltung ist angespannt. Ein starker Kontrast zu Piggy, der eher ängstlich, jedoch klug wirkt und klar zu denken scheint. Bereits am Anfang wird er von den anderen ausgelacht und sitzt immer etwas außerhalb der Kinder. Er übertrifft jeden einzelnen weit an Intelligenz, wird aber nicht für voll genommen. Selten darf er ausreden. Bereits zu diesem Zeitpunkt kristallisieren sich die Charaktere von Piggy, Jack und Ray klar heraus. Meinungsverschiedenheiten sind vorprogrammiert. Es kommt zur Parteienbildung. Sofort. Jagen oder für eine Unterkunft sorgen? Gemischter Gefühle versuchen sie sich richtig zu verhalten. Aber was ist richtig? Im Zweifel folgen sie lieber dem Stärkeren, schließlich wollen sie überleben. Dem gewählten Anführer Ray geht es um Struktur und Rettung. Einige haben Angst vor einem Monster im Wald, was aber nicht auf offene Ohren trifft. Die Kinder simulieren eine Schweinejagd mit Piggy als Schwein. Sie umzingen ihn. Die Kinder verwildern. Die Gruppe der Jäger wächst und wächst. Die Aggressivität wird durch das Klopfen mit Speeren auf den Boden verstärkt. Haltlos. Mit Blut im Gesicht. Stück für Stück vergessen sie ihre Menschlichkeit, es ist erschreckend, wie schnell sie sich Jack anschließen. Angst wird zu Hass, alle lassen sich mitreißen. Es gewittert und wird dunkel. Ein Junge ist tot. Einige ekeln sich vor sich selbst und drehen sich weg vom Publikum. Sie gehen in den Zuschauerraum, sagen uns, wir sollen es ja keinem sagen. Es bleibe ein Geheimnis. „Und nun, geht!“

Das war ziemlich viel und irgendetwas fehlt bei dieser Inszenierung. Vielleicht sind es zu wenige Schauspieler, um die Entwicklung in der Gruppe auszudrücken. Mehr stilistische Mittel und darstellende Bilder würden die Geschehnisse abwechslungsreicher und einprägsamer verdeutlichen sowie den Spannungsbogen heben. So will keine wirkliche Steigerung aufkommen und die langen Dialoge wirken etwas schleppend. Die schauspielerische Leistung hat streckenweise beeindruckt, die sonstige Darstellung jedoch kommt zu knapp. Die Handlung bleibt stark, sie hat den Literaturnobelpreis bekommen. Über gelungene schauspielerische Nacherzählung kommt diese Inszenierung nicht hinaus.

Flucht nach Vorne

Bremen spielt „Heimat“ im Schauspielhaus

Verschiedene Menschen und doch dieselbe Erfahrung. Eine Kombination aus Jeans und weißem T-Shirt. Als Blog-Redakteure dürfen wir als erstes den Saal betreten. Hier finden die letzten Aufwärmübungen, das Abchecken der Technik und gemeinsamer „Motivationsaufbau“ statt.

Das Publikum betritt gespannt den Saal. Ein Klavierspieler und ein Standbild: ein Mädchen und Junge sitzen jeweils an einer alten Schreibmaschine. Das Mädchen beginnt mit der Schreibmaschine einen Text zu schreiben, der mit trauriger, emotionaler Klaviermusik begleitet wird. Für die Zuschauer ist der Text auf einer Leinwand zu sehen. Man erfährt, dass es sich beim Thema des Textes um das Verlassen der eigenen Heimat handelt. Heimat – jeder kennt diesen Begriff, trotzdem gehen die Definitionen in verschiedene Richtungen. In diesem Stück erzählt eine Gruppe Jugendlicher, wie sie ihre Heimat verlassen müssen. Die Zuschauer erfahren durch persönliche Rapeinlagen und Erzählung, wie sie sich anfangs in Deutschland gefühlt haben und wie schwer es ist, seine Heimat und dadurch auch die eigene Kindheit hinter sich zu lassen. Gerade bei der mündlichen Übermittlung konnte man regelrecht spüren, dass alles, was auf der Bühne geschehen ist, auf wahren Erlebnissen beruht. Die Darsteller aus Bremen zeigen, dass sie unter Heimat etwas sehr ähnliches Verstehen, obwohl sie aus unterschiedlichen Ländern kommen. Das Publikum zeigt durch tosenden Zwischenapplaus und mitfühlenden Emotionen, wie gut das Stück ankommt.

Barfuß und freche, selbstsichere Gesten: hier das Symbol sich selbst gefunden zu haben und sich nicht von Rechtsradikalen einschüchtern zu lassen. Nun wird dem Publikum eine Rede des AFD Politikers Gauland eingespielt. Durch die vorher erzählten Erlebnisse der Schauspieler aus der Heimat und von der Aufnahme in Deutschland wird es noch einmal absurder, so eine schreckliche Aussage über Flüchtlinge zu hören.

Als kleiner Makel wirken höchstens die Übergänge zwischen den Szenen ein wenig abrupt, was aber durch das ehrliche und ambitionierte Spiel der Darsteller allemal ausgeglichen wird. Die Darsteller zeigen abschließend ihren Dank für die Hilfe, die sie von ihren Lehrern und Pädagogen bekamen (im Schauspiel, im Tanzen und beim Rappen) mit einer umfassenden Danksagung. Gratulation für dieses berührende, ergreifende Stück „Heimat“.

Vorab-Interview Abdul, Bremen (PDF-Version)

Gästeliste +1

Als Doppelagent bei der Fachtagung

Vielleicht habt ihr am Rande mitbekommen, dass neben euren Workshops auch Fachvorträge gegeben wurden. Normal war mit Gästeliste, aber der Türsteher war Ehrenmann, ich bin auch so reingekommen. Der erste Vortrag war wie eine Universitätsvorlesung aufgebaut. Für Leute, die zum Einschlafen Hörspiele hören, kann das ermüdend sein. Ich aber lese ja lieber die Sprüche über Niels‘ Bett und war hellwach. Der Redner war Herr Dr. Ingo Juchler, unter anderem Politikwissenschaftler, der in einer dreiviertel Stunde mal eben souverän 2 ½ Jahrtausende politische Theatergeschichte aspektorientiert zusammengefasst hat. Maschine. Grundaussage: Nur durch Freiräume wie das Theater bekommt ein Rechtsstaat ein stabiles Fundament. Kann man so stehen lassen. Auch Herrn Juchler gefiel sein eigener Vortrag offenbar so gut, dass er gar nicht mehr aufhören wollte. Schließlich musste er sich selbst abwürgen. Die Pinkelpause ist dabei trotzdem draufgegangen und so wurde es im folgenden Vortrag etwas unruhig im Publikum.

Jetzt redete Branko Šimić, ein Hamburger Theaterregisseur und Kurator. Der Name lässt schon vermuten, dass Herr Šimić vom Balkan stammt und passend zu seiner Herkunft war auch das Thema seines Vortrages. Es ging um das Massaker von Srebrenica, den größten europäischen Massenmord seit dem Ende der Shoah. Für Šimić ist klar, dass politisches Theater nicht ohne Schmerz funktionieren kann und so berichtet er ungeschönt von der teilweise sehr belastenden Arbeit an der Thematik, die er als ein minimalistisches Zwei-Personen-Stück auf eine kleine Bühne des Thalia Theaters Hamburg gebracht hat. Die Wahrheit ist nicht immer eine Komödie und muss trotzdem ans Tageslicht kommen, dafür arbeitet Šimić. Am 30.10. läuft das Stück zum 25. Mal. Überlegt es euch, liebe Hamburger, Schatten gehört genauso auf die Bühne wie Licht. Hier gibt es Infos und Schülerkarten für 10€: https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/srebrenica/

Jetzt konnten sich unzählige Blasen endlich Erleichterung verschaffen, bevor Uta Plate, eine gebürtige Schleswigerin, und renommierte Theaterpädagogin, die unter anderem über 10 Jahre an der Berliner Schaubühne gearbeitet hat, ans Rednerpult trat. Im Raum kennt und liebt man sie für ihre pädagogischen Ratgeber. Das klingt nach eingestaubtem Lehrer-Bücherschrank, ausgestrahlt hat sie aber das Gegenteil. Die Dame hat dermaßen Street-Cred, die würde Bonez und Gzuz mit ein paar Wochen Theaterarbeit von der Straßenbande ins literarische Quartett bringen. Woran merkt man das? An ihren Taten. Wie zuvor bei Šimić ist ihr Vortrag ein Bericht über ihre Art zu arbeiten. Auch sie hält die Beschäftigung mit schmerzhaften Thematiken für die wertvollste. Nachdem sie unter anderem in einer Jugendvollzugsanstalt mit Inhaftierten inszeniert hat, ging sie nach Dresden, um den Vorurteilen über rechtsradikale unerzogene Sachsen nachzugehen und sich ein eigenes Bild zu machen. Mit Jugendlichen, die aus einem zur Pegida neigenden Stadtviertel kamen, brachte sie trotz erheblichen Widerstands aus der Gruppe und einigen der Elternhäuser ein erfolgreiches Theaterstück auf die Dresdner Bürgerbühne, das Vorurteile Stück für Stück abbaut. „Aber Ute, häää? Isch versteh das nisch, isch dachte, das sind Monster!“, ahmt Plate die Reaktion eines Schülers auf die Konfrontation mit einem syrischen Flüchtling nach. Sätze wie diese zeigen ihr, dass sich auch ein Kampf gegen Windmühlen lohnen kann. Seid mal nicht zu hart zu euren Theaterlehrern; deren Kampf ist nicht selten genauso wahnsinnig – im positiven Sinne.

Kerzen der Hoffnung

Schleswig Holstein spielt „Na Gott sei Dank“ in der Kieler Oper

Viele verschiedene Gesichter, ganz unterschiedliche Nationalität, schwarze Kleidung, blaues Licht, ein Standbild. Wir betreten den Raum, ich – natürlich – finde meinen Platz erstmal nicht. Eine halbe Reihe muss aufstehen. Na toll. Das Licht wird dunkler, die SpielerInnen rennen durcheinander, ein kleiner Monolog. Wieder ein Standbild, diesmal ein bewegtes, fünf Gruppen in verschiedenen Ebenen, alle in verschiedene Richtungen gedreht und doch beten sie alle – beten sie? Es sieht so aus – nach oben, gen Himmel.
Na Gott sei Dank – Was bedeutet Glaube und was bringt er für Freuden aber auch Probleme mit sich? Es gibt so viele Unterschiede, der eine feiert Weihnachten, für den anderen ist das Zuckerfest nach dem Fasten von Bedeutung. Beten für die Familie, für Frieden im eigenen Land, beten, dann, wenn man glücklich ist oder Angst hat. Fünfmal am Tag? Wenn man es gerade selbst braucht, oder… auch gar nicht. Die Gruppe aus Schleswig-Holstein zeigt, wie verschiedene Glaubensrichtungen, trotz Konfliktpotenzial zusammen existieren können, manchmal nebeneinander, aber doch als friedliche Gemeinschaft.

„Ich glaube an Allah.“
„Ich glaube an mich selbst.“
„Ich glaube an Gott.“
„Ich glaube an meine Familie.“

Der Saal ist dunkel. Eine Kerze nach der anderen erleuchtet, das schummrige Licht erhellt die Gesichter der Spieler. Ein schönes Bild, voller Hoffnung und Verletzlichkeit. Sie offenbaren ihre Wünsche, Ängste und ihre Religion in dem was sie glauben. Die Kerzen als einzige Requisiten – ein Symbol Gottes oder eben nicht, in jedem Fall ein Symbol der Hoffnung.
Aber auch die Grausamkeit einiger Religionen wird gezeigt, indem mit den Kerzen als Mordinstrument einige Spielerinnen geköpft werden. Nachdem die Mörder aus den toten Körpern ein Kreuz gelegt haben, sagen sie: „Im Namen Gottes“. Die Charaktere betonen aber auch, dass sie gerne einiges an ihren Religionen verändern würden, wenn sie könnten. So zum Beispiel die Zwangsheirat und die Verpflichtung zum Tragen einer Kopfdeckung. Später wird die Stimmung versöhnlicher:  Eine weihnachtliche Szene – die Gruppe stellt sich auf und alle – ob sie nun Weihnachten feiern oder nicht – singen eines der traditionell beliebtesten deutschen Weihnachtslieder: Stille Nacht. Ein starker Moment. Alle gemeinsam stehen sie auf der Bühne, die magische, weihnachtliche Atmosphäre füllt den gesamten Saal aus und das, obwohl viele einen anderen Glauben als das Christentum haben und aus fernen Ländern kommen.

Man merkt, dass dieses Stück von den Schülern selbst kommt. Es ist ehrlich, mutig und mit viel Herz gespielt. Verschiedene Schüler erzählen ganz persönlich, wie sie es sicher auch uns erzählen würden, die Regeln ihres Glaubens oder spielen festliche Szenen aus den eigenen Familien nach. Obwohl „Na Gott sei Dank“ keinen großen Wert auf einen zusammenhängenden Spannungsbogen legt, berührt es mit seinen ehrlichen, persönlichen Aussagen die Zuschauer. Es begeistert nicht nur mit vielen Gesangseinlagen, sondern kann auch einen neuen Blickwinkel auf zunächst ferne Religionen eröffnen, indem nähergebracht wird, wer und was dahintersteht. Am Ende ist der Applaus gewaltig, es wird geklatscht und gepfiffen, viele Leute stehen sogar auf. Vielleicht hat denjenigen, die sitzengeblieben sind, erzählerischer Zusammenhang gefehlt, inhaltlich und spielerisch ist der Beifall aber voll und ganz gerechtfertigt. Die Botschaft des Stücks ist hoffnungsvoll. Deshalb verlasse ich den Saal etwas nachdenklich, aber mit einem Lächeln. Wie der gesamte Eröffnungsabend macht das Stück Lust auf mehr.

Vorab-Interview Yekta, Schleswig-Holstein (PDF-Version)

Vorab-Interview Niklas, Schleswig-Holstein (PDF-Version)