Maßvoll genießen

Hamburg spielt „Instagrammodels“ im Schauspielhaus

Vor Beginn des Stückes wird noch einmal ausdrücklich darum gebeten, erst am Ende Beifall zu spenden. Dass viele Zuschauer trotzdem immer wieder zum Szenenapplaus ansetzen, lässt schon erahnen, auf welche Zustimmung die Instagrammodels bei ihrer Prime-Time-Vorstellung am Dienstagabend stoßen.

Ein buntes Feld von Ballons liegt vor dem noch geschlossenen Vorhang und deutet das vielseitige Feuerwerk an, das in den nächsten 60 Minuten gezündet werden wird. Als der erste Akteur den Raum betritt, ist noch nicht ganz greifbar, ob auf den Zuschauer ein alberner oder lustiger Abend zukommt, denn der Darsteller setzt sich in Skimontur ans Piano und versucht mit Fäustlingen Klavier zu spielen. Das Resultat klingt jedoch überraschend gut und der Vorhang öffnet sich zu den Anfangsakkorden von Adeles „Someone like You“. Schon jetzt spricht nur noch wenig für reinen Klamauk, dafür ist das erste Bild zu ästhetisch in Szene gesetzt: Die singende Darstellerin steht auf der Spitze einer kleinen Barrikade, die aus Klamotten und Gepäck besteht. Sie steht im Lichtkegel und wirft einen großen Schatten auf die Bühnenrückwand. Wie Schaufensterpuppen liegen ihre Mitspieler ihr zu Füßen und schauen mit leerem Blick in unterschiedliche Richtungen. Über dem Menschenhügel im Ballonmeer schweben vier silberne Ballons, die den Schriftzug „2-0-1-8“ bilden – als Damoklesschwert schwebt die heutige Zeit über den Jugendlichen und wirft ebenfalls einen vielsagenden Schatten.

„(…) but sometimes it hurts instead.“ Die Schaufensterpuppen erwachen und es beginnt ein energisches Gezeter. Ihre Rolle am Fuß des Hügels gefällt ihnen nicht, sie wollen gefälligst auch im Rampenlicht stehen. Diese Spiegelung des zeitgenössischen Tunnelblicks stellen die Hamburger in einer Mischung aus Monologen und akkuratem chorischem Sprechen dar, die fesselt. Ein Auftakt für eine Reihe von Bildern, in denen so ziemlich jedes kontroverse Thema durchgearbeitet wird, das der Zeitgeist zu bieten hat: Entscheidungszwang, Schönheitsideale, Kapitalismus, Bindungsangst, Klimawandel. So viel zum Inhalt. Trotz der kritischen Ambitionen, die der Titel suggeriert, wurden wenige überraschende Denkanstöße gegeben, das Stück lebt von der Ästhetik und seiner Energie. Die Ballons hatten recht.

Die Kostüme schaffen die optische Basis. Die Hamburger sind einfach stilvoll gekleidet. Vor allem die Darsteller leicht versnobter oder skurriler Charaktere nutzten die Chance, um eine modische Extravaganz auszuleben, die im Alltag schwer unterzubringen wäre. Selbst rein symbolische Accessoires wie Rettungsringe wirken farblich nicht gänzlich aus der Luft gegriffen, hier wurde mit viel Liebe fürs Detail gearbeitet. Als Bühnenbild bleibt die Klamottenbarrikade eine Konstante, allerdings fängt sie mitunter an zu dampfen und wird von verschiedenfarbigem Bühnenlicht in Szene gesetzt. Das Auge ist also angenehm eingelullt, das Ohr aber hat den Jackpot gewonnen: Das Albert-Schweizer-Gymnasium gilt als eines DER Hamburger Musikgymnasien, weshalb die Regie akustisch aus dem Vollen schöpfen konnte. Bratschensolo, Posaunenbegleitung, Streicherquartett, Klavierbegleitung, klassischer Gesang und ein Ensemble, das auch als Chor hätte auftreten können – so macht Musiktheater Spaß.

Besonders ansprechende Momente entstehen, wenn die darstellenden Elemente mit der Musik verknüpft werden. So lässt eine live gesungene Choral-Begleitung ein übergroß gestreamtes Donald-Trump-Video einzigartig skurril wirken, indem es das Proletentum des Hauptdarstellers mit der eigentlichen Würde des Präsidialamtes in Kontrast setzt. Das Publikum johlt und müsste eigentlich schluchzen. Das ist vielleicht die große Gefahr, die von solchen Stücken ebenso ausgeht wie von populären Formaten der Kategorie „Neo-Magazin-Royal“. Lachen ist Schmerzmittel aber keine Medizin. Man macht gute Miene wegen des bösen Spiels und die permanente Ironie hebt die Wirkung der Inspirationsquellen nicht so grundlegend auf, wie man es gerne hätte. Zu viel Konsum macht hier eher zynisch, als dass er aufklären würde. In diesem Bild ist das Hamburger Stück ein Genussmittel. Kenne dein Limit.

Vorab-Interview Paula & Malte, Hamburg (PDF-Version)

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