Eintausendneunhundertvierundachtzig Kreise

Sachsen spielt „Wer nichts zu verbergen hat“ im Schauspielhaus

Meckern – eigentlich wollen wir das ungern, müssen es aber leider manchmal. Vorab wollen wir daher klarstellen, dass die Kritikpunkte in diesem Text Meckern auf hohem Niveau sind. „Wer nichts zu verbergen hat“ ist ein starkes Stück und wie jede Rezension soll diese Rückmeldung vor allem eine Anregung sein.

Zunächst zum Inhalt: Die Schüler haben sich mit den Romanen „1984“ und „The Circle“ beschäftigt. Die Hauptthemen sind somit zum einen der Zwang zur Anpassung in der Gesellschaft und zum anderen die fortschreitende Digitalisierung. Auf der Bühne sieht man eine schwarze Leinwand, in deren Mitte ein kleines weißes Stofffenster eingelassen ist, das als eine Art Bildschirm fungiert. Die Spieler tragen anfangs schwarze Hosen und blaue Hemden und wechseln später erst zu schwarzen und dann zu weißen T-Shirts. Diese Änderung des Outfits lässt sich als ein Symbol für den Wandel der Gesellschaft deuten. Zeitgleich gibt es erste Anzeichen für den Wunsch nach Ausbruch aus der Gemeinschaft, da nicht alle Darsteller ihr Oberteil bereitwillig wechseln. Winston Smith, ein Charakter aus dem Roman „1984“, möchte außerdem nicht am gemeinschaftlichen Sport teilnehmen, lässt sich aber zunächst noch zwingen. Es geht weiter mit „The Circle“: „Warum brauchen wir noch das Wort ‚schlecht‘, wenn wir das Wort ‚gut‘ haben, wir könnten genauso gut einfach das Wort ‚ungut‘ verwenden.“. Je weniger Worte zum Ausdrücken von Emotionen vorhanden sind, desto schwieriger ist das Herausstechen aus der Masse – so der Gedanke der Machthaber. Der Wille soll gebrochen und die Gesellschaft maschinell werden. Erst in der Mitte des Stückes wird zum ersten Mal eine direkte Verbindung zum Titel hergestellt: „Hast du schonmal darüber nachgedacht, dass du nicht die einzige bist, die durch deine Frontkamera schaut?“ Im restlichen Teil der Inszenierung ist ein Bezug zu einer konkreten Botschaft nur schwer herzustellen. Ein weiterer Abschnitt beschäftigt sich mit der Problematik, dass mobile Endgeräte immer wichtiger für die Menschheit werden – vor allem für die heranwachsende Generation. Die dargestellte Sehnsucht nach der Freiheit, auch einmal nicht erreichbar sein zu müssen, ist groß, doch als einziger auszubrechen scheint unmöglich und niemand traut sich, die Revolution zu beginnen. Die Anfangsthematik des Stückes wird also wieder aufgegriffen, ohne dass eine Entwicklung stattgefunden hätte. Und da kommen wir auch schon zum Meckern. Dem gesamten Stück fehlt es etwas an Dynamik, was zum Beispiel durch lautes Anatmen und fehlende Synchronität bei chorischen Passagen hervorgerufen wird. Ein roter Faden war daher schwer auszumachen. Auch wenn die emotionslosen Texte absichtlich gewählt sein sollten, wirken sie sich negativ auf die Spannungskurve aus. Es fehlten einfach die Highlights. Die Sachsen haben in ihrem Stück sehr weit gedacht, aber nicht in jeder Hinsicht. Die Darstellung und Spannung halten mit dem Inhalt zweier Romane nicht Schritt und können ihn nur schwer vermitteln – es dreht sich etwas im Kreis.

Vorab-Interview Isabel, Sachsen (PDF-Version)

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