Eck‘ nicht an!

Sachsen-Anhalt spielt „AndersWie“ im Schauspielhaus

Wie soll ich diese Rezension nur beginnen? Wahrscheinlich am besten wie es sich beim Titel des Stücks anbietet: „Anders wie.“

Der SDL-Tag ist schon fortgeschritten, als die Gruppe aus Sachsen-Anhalt den anderen SDL-Teilnehmern ihre Arbeit der letzten Tage und Monate präsentiert. Nach der Anmoderation finde ich mich also auf meinen Platz in der zweiten Reihe vorne Links am Rand wieder – von hier hat man alles genau im Blick. Auf der Bühne steht eine kleine Treppe, die wohl schon länger im Fundus anzutreffen war. Die Spielerinnen und Spieler betreten die Bühne mit schwarzer Hose, Hosenträgern und weißem Hemd. Mit dem expressionistischen Gedicht „Weltende“ beginnt das etwas andere Stück. Ich bin verwirrt und rechne mit einer Performance ohne fließenden Text. Ich denke mir: „Das schaffst du nicht, dazu war der Tag zu lang und zu anstrengend.“ Dieser Gedanke wird zum Glück von der nächsten Szene verworfen. Dicht gefolgt von zwei Spielern im Businessoutfit betritt eine Darstellerin die Bühne in einem blau karierten Kleid. In einer Hand hält sie eine Aldi-Tüte. Auf der Leinwand wird ein futuristisches Großraumbüro abgebildet – oder doch gleich der nächste Applestore? Wer weiß das schon. Die Geschäftsmänner reden von Billionenbeträgen und deren Vermehrung. Ganz klar, es muss klingeln in der Kasse und das so schnell wie möglich – man muss schließlich wieder Nummer 1 der Welt werden. Sie reden auf die Frau ein, die im Hintergrund in einer namhaften deutschen Zeitung mit rot-weißem Logo liest. Dieses Meisterwerk der Journalistenzunft berichtet ja bekannterweise nicht nur über die Trennung von Sarah und Pietro – keine Panik, Alessio gehts gut – sondern auch über die liebevolle Nachbarschaftsfürsorge von Till Schweiger. Also alles, was die Welt bewegt. Eben dieser Dame soll jetzt eine Investition verkauft werden, obwohl sie sich diese nicht leisten kann. In ihrer Argumentation sprechen unsere Meisterverkäufer davon, dass das Durchschnittsnettoeinkommen bei 1824€ liege und somit gar nichts gegen die Investition sprechen könne. Es wird somit indirekt gezeigt, wie individuelle Schicksale und Personen im System untergehen und dass für diejenigen, die nicht mit dem Strom schwimmen, kein Platz ist. Die Kernthese, die vermittelt wird, lautet in etwa: „Sei flexibel und eck‘ nicht an, ansonsten passen wir dich an.“ Das Stück findet seinen Höhepunkt in der Gameshow „Money oder Honey“. Der Moderator bittet auf aufdringliche Weise um das Beantworten systemkritischer Fragen. Letztendlich gewinnt nicht die Kandidatin, die alle Fragen richtig beantwortet, sondern diejenige, die so gut wie nichts weiß.

Mein Fazit: Die Aufführung gefällt vor allem durch ihre sozialkritische Thematik und die Energie der Spieler. Alle schienen wirklich Spaß zu haben –  rundum eine gelungene Show. Nur als ich bei meinem stehenden Applaus nicht viele Mitstreiter hatte, fragte ich mich, ob ich da vielleicht zu viel hineininterpretiert habe. Egal, vielleicht bin ich einfach „Anders wie“.

Vorab-Interview Josephine, Sachsen-Anhalt (PDF-Version) 

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