Der Löwe von der Saar

Sonntag, der Sechzehnte. Ein Tag, der rückblickend zum Knotenpunkt meiner Lebenslinien werden sollte. Der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Die alten Erzählungen berichten seit jeher von bedeutenden Männern. Die Attribute aber, die dieser außergewöhnliche Ehrenmann in sich vereint, hätte ich der Menschheit nicht mehr zugetraut. Die rote Sonne versank hinter dem Glockenturm der Stadt, als die Festgemeinde durch die weit geöffneten Tore des Opernhauses strömte. Arme Teufel. Hätten sie gewusst, wer unter ihnen weilt, sie hätten schon jetzt ihre Hüte in den Kieler Himmel geschleudert und den Erlöser durch die Straßen getragen. Heute frage ich mich manchmal, ob ich damals etwas gespürt habe. War an diesem Tag nicht irgendetwas anders? Fühlte sich nicht schon in den Morgenstunden alles getragener an, alles lebendiger? Heute bin ich mir ganz sicher, dass ich es gewusst haben muss. Das Schicksal hat ihn geschickt und eine Vorahnung vorausgesendet. Als ich meinen Platz im Parkett des gemeinen Volkes einnahm, spürte ich ein Ziehen von den oberen Rängen. Ich hob meinen Blick und ließ ihn über die Reihen der gehobenen Gesellschaft schweifen. Irgendwann, das wusste ich, irgendwann würde auch ich meinen Platz unter ihnen einnehmen. Noch war ich aber ein Nichts, ein gemeiner Hans Wurst in den Fängen des Proletariats. Der Abend nahm seinen Lauf, die Gemeinde vergnügte sich mit Gesang und Spiel und vergaß für einen Moment all die dunklen Wolken, die sich am Horizont zusammenbrauten. Morgen schon, das wusste ich, würden sie wieder ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nachgehen, ihren gewöhnlichen Sorgen und ihren banalen Ängsten. Ich aber, ich war zu Größerem bestimmt und daher war ich empfänglich für Zeichen. Da! Gesandtschaften aus verschiedenen Landstrichen erhoben sich zum Gruße von ihren Plätzen und zollten dem herzlichen Gastgeber Respekt. Ich war im Begriff einzudösen, als sich in meinem linken Augenwinkel Gewaltiges regte. Ein Hüne von einem Mann, ach was, ein Riese, wuchtete seinen gewaltigen Körper aus dem Sessel. Träumte ich? Lag ich im Fieber? Nein, ich wachte. Der Berg auf der Empore war ein Mensch aus Fleisch und Blut. In regional gefärbtem Ton brachte er sein Bedauern über das Fehlen seines Begleiters zum Ausdruck, der von einer Krankheit in die Knie gezwungen worden war. Ich horchte auf. Ein Begleiter? Aus dem fernen Saarland sei er gekommen, sein Treck habe Flüsse überqueren müssen, der Länge nach. Meine Gedanken schweiften ab. Was für ein Organ! Die tiefen Wellen seiner Stimme legten sich über das hypnotisierte Meer aus Köpfen. Nicht nur mich ließ seine Wirkung zerfließen, die Menge hing an seinen Lippen. Als er seine Rede schloss, brandete ein Sturm auf, den nur ein Tölpel noch als Beifall bezeichnen würde. In meinen Augen sammelte sich die Gischt. „Wer ist der junge Herr?“, brüllte ich meinem Nebenmann ins Ohr. „Der Herr? Wissen sie das denn nicht?“ Errötend gab ich es ihm zu. Mit einem gönnerhaften Lächeln legte er mir den Arm um die Schulter. „Das ist Sir Leo! Leo Lutz von der Saar!“ Seine Augen leuchteten bei diesen Worten, als wären sie glühende Kohlen. Ich blickte empor. „Leo“, raunte ich vor mich hin, „Der Löwe“. Der Opernabend zog an mir vorbei wie eine Galerie von halb entwickelten Bildern. Der Fokus lag auf meinem inneren Auge, vor dem ein junger Löwe majestätisch durch den Jägersburger Wald schritt. Das Saarland. Sehnsuchtsort meiner Kindheit und kühnsten Träume. Ich brauchte den Entschluss gar nicht erst zu fassen, er hatte mich gefasst: „Ich werde mit ihm ziehen.“.

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