Das gibt blaue Flecken

Das Saarland spielt „Master of Puppets“ im Schauspielhaus

Aufgrund verspäteter Busse geht die Vorstellung erst nach einer zehnminütigen Verspätung los. Vor der Bühne sitzt einer der „Puppenmeister“ und muss die Verzögerung mit einem Standbild überbrücken. Als es dann losgeht, dirigiert er zunächst mit telepathischen Kräften Musikinstrumente, die hinter ihm ein anderer Darsteller bespielt. Dies demonstriert bereits seinen Einfluss, welcher im Laufe des Stückes noch eine zentrale Rolle einnehmen wird. Denn genau darum geht es: Wer hat am meisten Macht? Wie wird diese Macht benutzt? Bedeutet Macht auch Glück?

Im Laufe der Vorstellung duellierten sich mehrere Puppenmeister, von denen es anfangs zwei gibt – einen auf der Bühne und einen auf einem Gerüst. In ihrem Wettstreit geht es darum, wer mehr Macht besitzt und wer sie besser ausspielt. Unter anderem spielt eine Reihe von Szenen in einer Psychiatrie, in der die Patienten und Wächter mit Puppen-Make-up zu sehen sind. Ein Patient dreht durch, ein Wächter bzw. Arzt kommt herein und gibt ihm eine Art Medizin, die ihn dazu zwingt, von seinem Leben vor der Psychiatrie zu erzählen. So geht es dann eine ganze Weile weiter – leider. Es wird von zu vielen verschiedenen Personen erzählt, sodass am Ende keine Spannung mehr da ist und man den Texten nicht mehr gut folgen kann. Manchmal hat man das Gefühl, dass die Saarländer möglichst viel Aggressivität und Gewalt in das Stück eingebaut haben, um damit den Spannungsbogen möglichst hoch zu halten. Dadurch machen sie das Stück zwar bildlich interessant, aber teilweise werden die „Puppen“ so ruckartig gegen die Bühnenwand geschleudert, dass die Darsteller einem eher leidtun. Man möchte gar nicht wissen, wie viele Blaue Flecken am Ende einer Aufführung auf ihrer Haut zu sehen sind.

Ein Aspekt, der zwischendurch immer mal wieder nicht recht zum Thema passt, ist die Lautstärke der Monologe. Oben auf dem Gerüst wird oft etwas zu leise gesprochen, was das Verstehen der Texte schon in der zweiten Reihe schwierig gestaltet. Dieses Lautstärkedefizit ist sehr schade, da das Gefühl der Macht auf diese Art nicht gut vermittelt werden kann, worunter die Glaubwürdigkeit des Stückes leidet.

Das Ende des Stückes wird dann mit einer Szene eingeleitet, welche die Saarländer selbst „Königsszene“ nennen. Alles geschieht sehr schnell. Die Puppen realisieren, dass jede von ihnen ein Individuum ist und entkommen deshalb. Woher die plötzliche Einsicht kommt, kann nicht eindeutig festgestellt werden. Auch die Fragen, die am Anfang des Stückes gestellt werden – zum Beispiel ob Macht glücklich macht – bleiben offen und können höchstens schwammig beantwortet werden.

Interview-Whatsappgruppe, Saarland (PDF-Version)

 

Schuldeingeständnis Fehlanzeige

Mecklenburg-Vorpommern spielt „Die Abgehängten“ im RBZ

„Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes ist als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns gut sichtbar ein Kreuz anzubringen.“ So steht es im Paragraf 28 der allgemeinen Geschäftsordnung für die Behörden des Freistaates Bayern. Dieses neue Gesetz wurde im Mai 2018 erlassen. Immer wieder wird im Bundestag über ein Burkaverbot diskutiert. Das Parlament befasst sich mit Fragen wie: Sollte man den Herstellern von Milch-Ersatzprodukten verbieten, im Produktnamen das Wort „Milch“ zu verwenden? Immer wieder taucht die Frage auf, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. Mit solchem Nonsens beschäftigen sich die deutschen Politiker. In der heutigen Zeit, in der wir einen gewaltigen Pflege- und medizinischen Fachkräftemangel haben, Rentenarmut und Mietpreise, die sich kein normaler Mensch richtig leisten kann, hat ein Land wie Deutschland eigentlich ganz andere Probleme.

Die Theatergruppe vom Ecolea-Gymnasium Rostock-Warnemünde stellt in ihrem Stück „Die Abgehängten“ das Schicksal dreier Leute vor, die man als Opfer dieser Politik begreifen kann. Im hinteren Teil der Bühne, hinter einer Operafolie, findet die Rahmenhandlung statt. Zwei alte Freunde, Schuld und Cent, treffen sich wie jeden Abend in der Stammkneipe „Zum dicken Stamm“, doch an diesem Tag wird ihre vertraute Atmosphäre von Ion gestört. Man sieht nur die Schattenbilder, die an einem Tisch sitzen, trinken und von ihrem Leben erzählen. Im vorderen Teil der Bühne wird die erzählte Lebensgeschichte gezeigt.

Schuld war eine angesehene und berühmte Rechtsanwältin. In ihren jungen Jahren hat sie bereits alles erreicht, wovon man träumt. Sie hat ein Mann, Kinder, ein Haus und eine gefeierte Karriere. Innerhalb von nur einem Abend verfällt sie dem Glücksspiel und dem Alkohol. Sie steigert sich immer weiter hinein und treibt dem Abgrund entgegen. Auch Cent hatte alles, was er wollte. Er war Filialleiter von Schlecker. Verdiente gutes Geld und war für seine nicht unbedingt anständigen Verkaufsideen gefeiert worden. Doch mit der Insolvenz des Unternehmens verlor er seinen Job und damit alles, was er hatte. Frust und Selbstmitleid trieben ihn zum Alkohol. Der härteste Schlag trifft die beiden mitten im Stück, als der Kneipenwirt gesteht, dass auch er Existenzprobleme hat und auf Grund dieser die Kneipe schließen muss. An allen Problemen sei die Gesellschaft und die Politik schuld, man selbst kann nichts dafür. Schuldeingeständnis? Fehlanzeige. Ion versucht, Lösungen für die Probleme zu finden. Versucht den richtigen Weg zu weisen, doch er wird überhört. Seine Worte prallen an einer Wand ab. Die Politiker verschwendeten Zeit und Geld bzw. überlegten sich nur, wie sie sich am besten in die eigenen Taschen spielen könnten, so die Meinung der anderen Figuren. Bei den tagesaktuellen Diskussionen und Anträgen im Bundestag ist der Gedanke, dass die Politiker lediglich an sich denken gar nicht so abwegig und Mecklenburg-Vorpommern stellt gelungen dar, wie schnell „die Abgehängten“ heute in der Politik Sündenböcke finden. Dann ist da noch diese „Alternative“. Die Alternative für Deutschland spricht die Probleme an, verspricht diese anzugehen. Ist es dann nicht nur zu verständlich, wenn viele Bürgen diese Partei wählen?

In einem unterhaltsamen und witzigen Klima spricht die Gruppe aus Mecklenburg-Vorpommern bestimmt so einigen Menschen aus der Seele. Es gibt keine Szenen mit herzzerreißenden Emotionen, vielleicht muss das Stück sich deshalb wie einige andere Stücke beim SDL den Vorwurf gefallen lassen, dass die Ernsthaftigkeit zu kurz kam – gerade bei der Thematik „Rechtsruck“. Dafür kann man den Mecklenburgern zu gute halten, dass sie kein riesiges Fass aufmachen, sondern anhand einer greifbaren Handlung auf ein konkretes Thema ausführlicher eingehen. Auch das einfache, aber ästhetisch ansprechende Bühnenbild passt zu dieser Vorstellung. Vielleicht nächstes Mal einfach noch mehr Mut zum Drama!

Smackdown vs. Raw

Thüringen spielt „Wir sehen dich, Antigone“ im Schauspielhaus

Der von Sophokles niedergeschriebene Mythos „Antigone“ erzählt eigentlich die Geschichte einer jungen Frau, die sich auf ein höheres Recht als die Verfassung beruft und für die Bestattung ihres geächteten Bruders kämpft. „Eine starke Frau! Wie passend in Zeiten der Me-Too-Debatte!“, könnte man denken. Thüringen hingegen lässt in seiner Inszenierung eine verhaltensauffällige Antigone so lange auf der Bühne Radau machen, bis sie von zwei anderen Darstellern übel vermöbelt wird. Wie rezensiert man denn das? Mixed-Martial-Arts sind nicht meine Kunstform.

Vor Beginn der Vorstellung und nach der Einleitung der Schülermoderatoren kommt Antigone zunächst nach vorne und verbietet, zu fotografieren oder zu filmen, in diesem Land werde ja ohnehin alles überwacht. Ein schiefes Bild, das einfach keinen rechten Sinn ergeben will. Politzirkus-Fotograf Augusto klickt fröhlich vor sich hin – es lebe der Protest.

Hinter den schwarzen Vorhängen, von denen die Bühne eingefasst wird, kommen nun die anderen Darsteller hervor und beschäftigen sich mit Requisiten, deren Symbolcharakter schwer zu greifen ist. Da liest beispielsweise eine Darstellerin eine Zeitung, während zwei andere auf Weingummi-Schnullern herumkauen. Solche Gruppenperformances tauchen im Laufe des Stückes immer wieder auf und verschwimmen in der Nachbetrachtung zu einer einzigen – die jeweiligen Aussagen sind einfach zu schwer voneinander zu trennen. Verallgemeinert nimmt man die Struktur des Stückes wie folgt war: Performance – Gag – Performance – Handlung – Performance – Gag – Performance – Handlung (…). Die Binderstriche sind auch auf der Bühne deutlich zu spüren.

Die Thüringer möchten Antigones Auflehnung gegen die Obrigkeit übersetzen in eine Rebellion gegen den modernen Überwachungsstaat; leider wird die Kritik thematisch aber nicht zugespitzt. Eine der stärksten Szenen im Stück hat beispielsweise nur mittelbar etwas mit Überwachung zu tun: Journalisten stehen in Trauben am Rand der Bühne und werfen Politikern, die versuchen, sich im Blitzlichtgewitter in Szene zu setzen, provokante Fragen zu. Die Politiker sind unter anderem in dekadentem Pelz gekleidet und antworten in aneinandergereihten Floskeln. Das ist keine Kritik am Überwachungsstaat, das ist zum einen eine Kritik am Vorgehen der Medien und zum anderen eine Mischung aus Merkel- und Trump-Imitation. Auch dieses Bild ist also schief. Die heutigen Floskel-Politiker, geben sich eher selten als schillernde Bonzen, sondern wechseln höchstens Mal die Blazer-Farbe, während die pelztragenden Alphamännchen alles tun, um zu verstören und zu polarisieren. Leider werfen die meisten Szenen mindestens so viele Fragen auf wie die eben beschriebene. Eine Auswahl: Warum springt Antigone mit dem Politiker (Kreon) ins Bett? Wieso wird die Staatsmacht im 21. Jahrhundert noch durch Radioansagen symbolisiert? Warum läuft drei Minuten lang ein Chanson vor sich hin? Warum spielt Amazons Alexa klassisches Horn? Warum wird plötzlich „Singin‘ in the Rain“ performt? Warum dudelt im Hintergrund die „schöne blaue Donau“? Warum pellt Antigone ein Ei? Ist die Reihenfolge der Szenen Zufall? Diese Fragen sind nicht polemisch gemeint, aber sie verknoten sich im Kopf, wenn man an das Stück denkt.

Dann gegen Ende der Höhepunkt: Die Martial-Arts-Szene. Nicht jeder Zuschauer scheint wie der Rezensent in seinen Flegeljahren eine Sport-1-Wrestling-Phase durchlebt zu haben und so blickt der ein oder andere verstört drein, als Antigone Anstalten macht, sich in Kreons Hals zu verbeißen. Das war intensiv. Wahrscheinlich die intensivste Szene beim SDL, denn als Antigone am Boden liegt dreschen Kreon und sein Kumpan fröhlich mit Kissen auf sie ein, bis sie sich nicht mehr regt. Wurde hier eine Grenze überschritten? Passt das noch zur Botschaft und zum SDL? In einigen Zuschauern arbeitet es.

Vielleicht hätte Thüringen im Jahr 2018 zu einem anderen Thema Stellung beziehen sollen. Zwar ist das Streben gegen Überwachung ein liberaler und lobenswerter Gedanke, aber die Gewichtung ist das Problem. Der Rechtsstaat, in dem wir Leben, ist momentan zu gefährdet, als dass er auf seine Rolle als „großer Bruder“ (Orwell) reduziert werden sollte.

Vorab-Interview Gina und Max, Thüringen (PDF-Version)

Gefängnis Unterschicht

Rheinland-Pfalz spielt „Marie W.“ im RBZ

Unterschicht, Oberschicht, Mittelschicht. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Mit dieser Thematik beschäftigt sich auch das Stück „Marie W.“. Marie W., die Hauptfigur, angelehnt an Georg Büchners „Woyzeck“, ist eine Frau, die sich mit verschiedenen Minijobs über Wasser hält. Sie muss nicht nur für sich, sondern auch für ihren Lebensgefährten und ihre Tochter sorgen. Ihr Lebensgefährte Franz ist Harz-IV-Empfänger, hat somit keinen Job, will aber auch gar nicht so richtig einen. Marie W. ist daher mit dem gesamten Druck auf sich gestellt. Im Stück kommen noch vier weitere Frauen vor, deren Vornamen ebenfalls mit „M“ und Nachname mit „W“ anfangen. Sie gehören auch zur Unterschicht der Gesellschaft. Diese parallelen Schicksale sollen die Gesamtsituation in Deutschland – nein, nicht nur in Deutschland – eigentlich überall, darlegen. Sobald man erstmal in die Unterschicht geraten ist, kommt man da nicht so schnell wieder raus. „Die Mittelschicht wird immer kleiner“, ein Zitat aus dem Stück. Die Mittelschicht sei „durchschnittlich, normal, anständig“ und schaue von oben herab auf Frauen wie Marie W. Nachdem diese von ihrem Freund auch noch betrogen wird, zerbricht Marie W. innerlich und bringt sich und ihren Freund mit einem Gift um.

Es gelingt den Spielern sehr gut, auf die Problematik aufmerksam zu machen, dass es vermutlich immer mehr reiche und somit auch arme Menschen geben wird. Durch starkes chorisches Sprechen glückt es der Gruppe, Szenen, in denen die Mittelschicht auftritt sehr ausdrucksstark zu zeigen. Man erkennt einen ganz klaren roten Faden und somit auch den Prozess, wie Marie W. langsam kaputt geht.

Das Stück ist allerdings eher eindimensional gehalten. Es gibt kaum Szenen, über die man zweimal nachdenken muss und wenn das der Fall ist, passiert es leider schnell, dass man das Stück im Hinterkopf verliert. Ich hätte mir ein paar Szenen gewünscht, über die ich zumindest heute Abend im Bett noch mit meinem Bettnachbarn diskutieren könnte. Dafür wird leider wenig Material geliefert. Es macht Spaß, das Stück zu sehen, keine Frage und es hat auch eine klare Message übermittelt, aber die Darsteller sollten sich trauen, in die dargestellten Bilder öfter eigene Interpretationen einfließen zu lassen. Ein weiteres kleines Minus, habe ich darin gesehen, dass die Texte von den Schauspielern teilweise nur runtergesprochen wirkten. Es hat mir daher die Emotion zu den Texten gefehlt, so hat es mich emotional leider nicht gecatched.

Vorab-Interview Greta & Lousia, Rheinland-Pfalz (PDF-Version)

Einfach göttlich

Aphrodite, Apollon, Artemis, Dionysos, die Götter sitzen nebeneinander auf der Bühne und gestikulieren, während Poseidon ungeschickt versucht, einen Liegestuhl aufzustellen. Er fällt ihm aus den Händen. Bam! Alle fahren in sich zusammen. „Psssst!“ Zeus darf doch nicht geweckt werden. Der Herrscher des Olymps, der nichts im Kopf hat, als Sex und Blitzeschicken.

„Errare Divinium Est.“ Irren ist göttlich. Das kommt in Hessens Stück auf jeden Fall zum Ausdruck, denn die Götter philosophieren mit einer Menge Humor über ein neues Europa und wie sie sich, unter die Sterblichen gemischt, in das irdische Geschehen einbringen können. Die Bewohner des Olymps diskutieren darüber, was sie in Europa und der EU verändern wollen. Interviews mit verschiedenen Passanten werden eingeblendet, in denen Ihnen Fragen zur europäischen Politik gestellt werden. Daraufhin nehmen die SpielerInnen Stellung zu einigen der Antworten und geben dem Ganzen eine besonders persönliche Note, da sie für diesen Text aus ihren Rollen treten und sie selbst sind. Einige Menschen entschließen sich, da auch sie unzufrieden mit Europa und der EU sind, in einem Heißluftballon auf den Olymp zu reisen und die griechischen Götter um Rat zu bitten. Sie merken jedoch schnell, dass diese gar nicht mehr Ahnung haben, als sie selbst, denn Zeus ist für den VW-Skandal zuständig, Aphrodite will sowieso lieber mit einem Aperol auf dem Olymp entspannen, Dionysos widmet sein Leben dem Fußball. Oder genauer gesagt Cristiano Ronaldo. Siiii!

„Das größte Problem der EU ist, dass sich keiner an irgendwelche Regeln halten will, aber alle sagen, dass man endlich etwas ändern muss.“

Die sehr unterschiedlichen Interview-Fragen die auf einer Leinwand als Video abgespielt werden, sprechen aktuelle Themen, wie die Flüchtlingskrise, Neonationalsozialismus und die europäische Gemeinschaft an, die momentan den ein oder anderen an Europa zweifeln lassen. Die anschließenden, ernstzunehmenden Stellungnahmen, die jedoch durch teilweise trockenen Humor und Schweizerdeutsch gelockert werden, geben individuelle Einblicke in die Köpfe der SpielerInnen und offenbaren somit auch Standpunkte unterschiedlicher Bürger. Am Ende der Diskussion ist eines klar: Die EU macht irgendetwas falsch und es muss Veränderung her. Nur wie?

„Wir brauchen eine Neuordnung des europäischen Kontinents.“ sagen die Götter.

Zeus behauptet, könne er etwas verändern, würde er erstmal bei den Terroristen aufräumen. Mit Gewitter und Blitzen. Er will zwar gegen den Terrorismus angehen, aber dann ist er doch auch der Vorstandsvorsitzende von VW und verteidigt sich erstmal groß und breit.  Eine Highlight-Szene.

Die Menschen werden von den Göttern nicht ernst genommen und entscheiden genervt, wieder zur Erde zurückzukehren. Sie sind schließlich überzeugt davon, dass sie das Ganze doch lieber selbst in die Hand nehmen wollen, denn sie wissen, was wirklich wichtig ist. Am Ende lauschen sie auf der Erde missbilligend dem Donnergrollen des Himmels. „Auf dem Olymp feiern sie gerade sicher wieder den Fußball. Als gäbe es nicht Wichtigeres zu tun.“ Sie müssen eben wirklich selbstständig aktiv werden, wenn sie Europa verändern wollen.

Das gesamte Stück behandelt eine ernste Thematik, die so humorvoll verpackt ist, dass einem vor Lachen oft die Tränen kommen. Die Schauspieler überzeugen mit genialen, satirischen Dialogen und Monologen, wie in der Heute-Show des ZDF, trockener Komik und einer schauspielerischen Glanzleistung. Da macht es auch nichts, dass sich auf der Bühne wenig bewegt und das Bühnenbild sich kaum verändert – eine runde Handlung, der nichts fehlt und die man jederzeit nochmal angucken würde. Einfach göttlich!

Vorab-Interview Luis und Marisa, Hessen (PDF-Version)

Die da oben sind zu fünft

Niedersachen spielt „schwarz.schwul.schön.“ im Schauspielhaus

Behindert. Polyamor. In der bunten Eigenproduktion der Niedersachsen geht es um Außenseiter, um das Anderssein und darum, die schöne Einzigartigkeit zu erkennen, die sich darin verbirgt.

Man lernt fünf verschiedene Personen kennen, die sich in der Gesellschaft nicht zugehörig fühlen. Die Lüneburger vergraben den roten Faden ganz tief zwischen Tanzeinlagen, kleinen Szenen aus dem Leben der fünf Personen, persönlichen Texten und einem Haufen bunter Klamotten, doch wer nur genau sucht, der findet auch. Sie flechten einen lustigen Strang in das ernste Thema, was das tausendfach durchgekaute Problem der intoleranten Gesellschaft trotzdem interessant und unterhaltsam wirken lässt.

Schrill durcheinander gewürfelte Kleidungsstücke mit Leoprint, im Zwiebellook, Mustermix oder gezielter Kombination von Komplementärfarben. So schrecklich schräg betreten die SpielerInnen in grotesken Tanzbewegungen die bunt erleuchtete Bühne. Das ist ihre Darstellung von Diversität. Doch ausschließlich so schön wie in diesen Szenen wird uns das Anderssein nicht verkauft. Die verschiedenen Alltagssituationen und persönlichen Texte einzelner Figuren geben uns genug Werkzeug in die Hand, um bereits ein wenig an der Fassade zu kratzen.

„Wenn ich alleine mit meinem Vater unterwegs bin, denken alle, ich wäre adoptiert“, sagt ein Mädchen.

„In der Grundschule wurden die Hannahs durchnummeriert – ich war Hannah 3“, eine andere.

Die Figuren legen uns eine Eigenart, einen wunden Punkt oder eine Herzensangelegenheit offen, die sie ausmacht und von der Masse abhebt. Ernst und Witz gehen ineinander über. Mike wird in der Schule wegen seiner geistigen Behinderung von einem Mitschüler beleidigt. Die Mutter einer jungen Erwachsenen kehrt ihr wegen ihrer polyamorischen Beziehung den Rücken zu. Ein schwuler Junge muss mit der Last dieses Geheimnisses leben. Eine deutsche Frau mit Kopftuch erlebt rassistische Vorurteile beim Vorstellungsgespräch. Diese ernsten Szenen, in denen die Schwierigkeiten im Alltag größtenteils gesellschaftlicher Minderheiten gezeigt werden, durchzieht stets eine lustige Ader. So wird der behinderte Junge vom Lehrer gefragt: „Die Sonderschule ist zwei Straßen weiter. Mike, hast du dich verirrt?“

Das polyamor lebende Trio entgegnet der Mutter gegenüber schlagfertig: „Gehen sie mal in die 4. Etage rechts, die sind zu fünft.“ Um diese szenischen Dialoge, die nicht auf Grund ihrer Qualität für die meisten Lacher im Publikum sorgen, durch eine Prise Tiefe und Verletzlichkeit zu ergänzen, mischen sich unter die bunt gewürfelten Einzelszenen der Collage auch vier persönliche Momente, in denen die Figuren ihr Inneres offen legen und sich angreifbar machen. Schade, dass an dem so vielversprechenden Kontrastprogramm nicht viel Glaubhaftes zu finden ist. Obwohl der Ausdruckstanz für viele das Highlight darstellte. Die Gruppe beendet die Performance mit einer weiteren Tanzchoreografie. Dieses Mal stärker und synchroner als die leider wenig ausgereiften Zwischensequenzen. Es kommt einem vor wie eine Bestärkung ihrer selbst und ein Zeichen, was sie setzen wollen. Für Vielfalt und Akzeptanz. Mit dieser Message geht das Licht aus.

Wenn man die Vorstellung mit einem Wort beschreiben müsste, wäre es wohl ‚amüsant‘. Die lustigen Momente des Abends entstehen durch den Abi-Musical Charakter des Theaterstücks, was einen sich zumindest von den sonst so angestrengt ernsthaften Performances erholen lässt. Wer braucht schon Körperspannung und was zur Hölle ist Konzentration, wenn man doch Spielfreude hat. Und das hatten die Niedersachsen. Jeden noch so improvisierten Dialog führten sie mit einem Lächeln.

Interview-Whatsappgruppe, Niedersachsen (PDF-Version)

Mehr Intimität im Real Life

Baden-Württemberg spielt „Digital.Zeit, Alter!“  im Schauspielhaus

„Was ist eine Filterblase? Was ist ein Algorithmus? Ist Ihnen Ihre Privatsphäre im Internet wichtig?“ Mit diesen einleitenden Fragen, welche die Produzenten des Stückes von Baden-Württemberg Passanten auf der Straße gestellt haben, taucht das Publikum für eine Stunde ein in die aufregende Welt des Internets. Man wird mit Dingen konfrontiert, die beim Surfen auf den ersten Blick unsichtbar sind. Willkommen im Cyberspace!

Den Zuschauern werden anhand von Zahlen die riesigen Dimension des Internets und somit der Einfluss auf unser Leben verdeutlicht. 3,3 Milliarden Nutzer, 35 Millionen Suchanfragen, 4200 Terrabyte Wachstum und 2,5 Millionen E-Mails pro Sekunde. Während des Stückes werden immer wieder Fragen an „Search“ gestellt. „Search“ soll eine Suchmaschine darstellen, die auf jede Frage eine Antwort parat hat. Mehrere Regale sollen die Register des Internets darstellen und werden nahezu durchgehend von Bots, Algorithmen, oder Cookies (in Form von Menschen in Ganzkörperanzügen) beobachtet und verwaltet. Sie stellen also das dar, was sich irgendwo hinter dem Bildschirm auf einem Server abspielt und bilden gemeinsam die Filterblase, welche die Interessen jedes einzelnen Menschen auswertet und sich entsprechend anpasst. Dies fällt drei Freunden auf, als sie in einem durch einen Stuhlkreis dargestellten Chatroom Zeit verbringen und zufällig das Gleiche im Internet suchen wollen. Sie erhalten alle Ergebnisse, die zwar jeweils zur Suchanfrage passen, aber unterschiedliche Seiten als ersten Link im Verlauf anzeigen – ein Ergebnis ihrer Filterblase. Sie machen sich im Internet schlau und kommen zu dem Entschluss, dass „Ansichten verbogen werden“. Dazu gewinnen sie die Erkenntnis, dass Daten nicht so leicht bzw. gar nicht aus dem WWW zu löschen sind. Am Beispiel eines kursierenden Nacktfotos wird dies verdeutlicht.

Die Situationen, die im Laufe des Stückes behandelt werden, könnten sich alle im wirklichen Leben abspielen. So stellen die Akteure zum Beispiel ein You-Tube-Video samt Kommentaren von anderen Nutzern und Werbung von Bots dar. Es wird dabei gezeigt, wie sehr die in sozialen Medien aufgeführten Ergebnisse auf die benutzerdefinierten Interessen abgestimmt sind. Eine Person, die Zeit mit Sozialen Medien verbringt, erlange demnach eher Bestätigung als Ablehnung der eigenen Meinung. Es soll dem Nutzer möglichst einfach und bequem gemacht werden, um ihn über längere Zeit in den Online-Foren und Chat-Portalen zu halten. Als weiteren Kritikpunkt für das Internet, wie wir es kennen, führt das Stück die permanente Überwachung auf.  So reiche schlimmstenfalls ein bestimmtes Stichwort wie „Cannabis“ aus, um direkt einen Algorithmus auf die geführte Konversation aufmerksam zu machen. Dies wurde in folgender Szene besonders verdeutlicht: Als in einem Gespräch nach dem Nacktbild-Drama das entsprechende Wort erwähnt wird, bewegen sich direkt ein paar der Darsteller in Ganzkörperanzügen aufmerksam in die Richtung des Chats und machen durch bestimmte Gestik deutlich, dass ein Schlagwort erwähnt wurde.

Alles in allem beinhaltet das Stück viele beeindruckende Szenen – zum Beispiel das Arbeiten der Algorithmen. Schade ist nur, dass in Bezug auf die Handlung vielleicht etwas zu viel Interpretationsspielraum eingeräumt wird, was aber auch an der gekürzten Fassung liegen kann.  Man wurde trotzdem zum Nachdenken angeregt, da das Internet doch mehr gefahren und Probleme aufzuweisen scheint, als die meisten Menschen vermuten. Mit diesem Stück wurden mehrere Hundert Menschen dazu angeregt das Fotografieren und Verbreiten von ihrem nackten Körper zu unterlassen – vielleicht ja zu Gunsten von mehr Intimität im „Real Life“. Bildungsauftrag erfüllt.

Interview-Whatsappgruppe, Baden-Württemberg (PDF-Version)

Wärst du nur stumm

Nordrhein-Westfalen spielt „unerhört“ im RBZ

In bunten Kleidern und Hosen, mit Perücken in schrillen Farben und exzentrischem Make-up hüpfen die SpielerInnen über die Bühne, drehen ihre Arme in gekonnten Puppenbewegungen. Das Grün des Bühnenbildes lässt die Kostüme noch mehr strahlen. Die Gesichter lachen, kichern, weinen. Sie sind die Puppen eines Kindes, dessen Entwicklung sie miterleben und die sich in ihnen widerspiegelt. Ein Kind, das seine Stimme und seinen Weg von der Unmündigkeit zur Verantwortung findet. Ein Kind, das von seiner Umwelt durch Kritik und Komplimente beeinflusst wird, an das viele bedrückende Erwartungen gestellt werden und das letztendlich doch weiß, was es will: Sein. Mitbestimmen. Gehört werden.

Nordrhein-Westfalen stellt ein Stück mit der ausgefallenen Idee auf die Bühne, die Ängste und Sorgen in der Jugend eines Menschen zu erzählen, ohne dass dieser durch einen Spieler verkörpert wird. Die Puppen spiegeln das Kind selbst wieder: am Anfang sind sie kindisch und albern, später haben sie eigene Meinungen und wehren sich gelegentlich. Sie wollen es beschützen, kritisieren die Eltern und fühlen mit, wenn es traurig ist. Aber auch sie haben Erwartungen an ihren Schützling und hoffen, dass er Großes bewirken wird, allerdings sind sie es auch, die die hohen Erwartungen von Seiten der Eltern bemängeln.

„Ein Kind hat hundert Stimmen, hundert Sprachen, hundert Gedanken, aber 99 davon werden ihm genommen.“

Die Puppen stehen am Bühnenrand, mit eindringlichem Blick kritisieren sie den Menschen, dafür, dass er alles formen will, wie es ihm gefällt und dafür, dass er von allem, eine genaue Vorstellung hat – auch von seinem Kind… Die Eltern nähmen ihrem Nachwuchs Möglichkeiten und würden ihn so hinbiegen wollen, wie sie und die Gesellschaft es gerne hätten. Ein Mädchen darf kein Fußball spielen, denn es ist ja ein Mädchen. Wenn es aber fragt, ob es am Ballettunterricht teilnehmen darf, dann sind sie stolz. Das Kind darf nicht die Kleidung tragen, die ihm gefällt, es darf nicht mitentscheiden, selbst wenn es seine eigenen Anliegen betrifft, denn es ist ja nur ein Kind. Aber nein, „es ist IHR Kind!“, wird betont. Und seine Meinung sollte zählen.

„Wärst du nur stumm, dann würde deine Mama aufhören, dich zu manipulieren.“ Begleitet von einer Gitarre singen die SpielerInnen ein Lied, in dem sie Eltern diesen und weitere Vorwürfe machen. Die Botschaft in diesem Song ist klar: Die Eltern wenden sich gegen das Kind, beziehungsweise schaden ihm mit ständiger Kritik. Diese Szene ist übertrieben und inhaltlich undifferenziert, denn sie verallgemeinert und ignoriert die Seite der Eltern. Zumindest bezüglich der Manipulation, der Aspekt ständiger Kritik ist verständlicher.

„Ich erzähle meinen Lehrern nichts, denn sie hören mir sowieso nicht zu.“ Auch ungerechtes und rücksichtsloses Verhalten der Politiker und insbesondere der Lehrer werden angesprochen. Die Puppen spielen eine Szene im Klassenzimmer nach, in der die Lehrerin den Kindern sämtliche kreative Ideen verweigert. Sie fühlen sich nicht angehört und ignoriert. Auch hier ist die Kritik zwar verständlich, jedoch ungerecht allgemein dargestellt, denn es gibt genug Lehrer, die immer ein offenes Ohr haben, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen.

Das gesamte Stück ist schön anzusehen, die Moral ist klar: Kinder sollten gehört werden, mitbestimmen können. Vereinzelte Ballettelemente in den Choreographien runden das Ganze ab und liefern so manches ästhetische Bild. Die quietschigen Puppenstimmen werden im Laufe des Stückes jedoch etwas anstrengend und zwischendurch wirkt es schleppend, die Dynamik fehlt an manchen Stellen. Insgesamt ein gelungenes Stück mit einer außergewöhnlichen Idee bezüglich des Inhalts und der Darstellung. Trotz in mancher Hinsicht ein wenig ungerechter Vorwürfe, ein Gedankenanstoß und ein Schauspiel, das im Kopf bleibt.
Danke dafür.

Vorab-Interview Karo, NRW (PDF-Version)

Der Floh des Perfektionismus

Berlin spielt „Schön.Macht.Sein“ im Schauspielhaus

Nach einem amüsanten Gefüßel der Schüler-Moderatoren öffnet sich der Vorhang für die Theatergruppe der staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik Berlin und deren Eigenproduktion „SCHÖN.MACHT.SEIN“. Sie setzen sich mit dem Schönheitswahn und Selbstoptimierungszwang in der Gesellschaft auseinander und ziehen dabei interessante Parallelen zu ihrem alltäglichen Leben. Das Gerüst dieser Collage ist das Märchen vom Schneewittchen. Zusammen mit der „bösen Königin“ stellt sie die einzige durchgängige Figur dieser Inszenierung dar. Sie fungieren als Erzähler und werden geschickt als Instrument genutzt, um das Übertragen des äußeren Drucks, personifiziert durch Ärzte, in die Köpfe der Figuren zu verdeutlichen.

Auf einer weiß gestalteten Bühne stehen schlanke Körper in strahlend weißen Klamotten und richten den Blick ins Publikum – oder eher auf sich selbst: Sie scheinen in den Badezimmerspiegel zu schauen. Durch ihre Erscheinung bringen sie Licht in den dunklen Saal. Es ist die Unschuld und die Reinheit des Schneewittchens, die da auf uns wirkt. Die SpielerInnen tragen Augenbinden, auf denen wiederum Augenpaare aufgemalt sind. Im Scheinwerferlicht scheinen ihre Gesichter aus Porzellan zu sein. Standbilder sind die offensichtliche Stärke des Ensembles. Das erste zeigt die SpielerInnen in puppenartigen Posen, deren Steifheit und Körperspannung sie fast schon gruselig echt wirken lassen. Die Ärzte, erkennbar an ihren weißen Kitteln, betreten die Bühne. Es folgt eine Szene, die den tanzschulischen Hintergrund der SpielerInnen klar erkennen lässt; mit bis in die Fingerspitzen angespannten Armen folgen die Figuren abgehackt und puppengleich den fließenden Bewegungen der Ärzte – eine Sequenz, viel dahinter. Diese Bilder, die in ihrer Kraft vergebens auf ein Zusammenspiel mit ebenbürtigen sprachlich-inhaltlichen Aspekten warten, bilden die Höhepunkte der gesamten Vorführung.

Szene für Szene wird den Charakteren der Floh des Perfektionismus‘ tiefer ins Ohr gesetzt. Die dargestellte Gesellschaft drillt den Einzelnen zur nie endenden Problemsuche. Eine Figur lässt uns an ihren verzweifelten Gedanken teilhaben. Ehrlich und selbstreflektiert führt sie einen Monolog über die Zwänge, die sie sich im Laufe ihres Lebens selbst auferlegt hat; die sie wahrnimmt, verachtet und doch nicht mehr loswird. Man erkennt sich selbst darin wieder. Solche Szenen, in denen durch persönliche Geschichten das Oberflächliche und Kalte der Thematik durchbrochen und Nähe geschaffen werden soll, tauchen verteilt über das gesamte Stück immer wieder auf. Dabei gehen einem nicht alle so nah, wie die eben geschilderte. Viele Texte sind zu lang und unpersönlich. Sie sind nicht ausgespielt, sodass sie an Glaubhaftigkeit und Intensität verlieren und es nicht schaffen, den Zuhörer festzuhalten. Die SpielerInnen bleiben beim Offensichtlichen, bei dem, was man Freunden erzählen würde und was schon in Richtung der Wahrheit zeigt – doch da ist immer noch mehr. Dieses „mehr“ fehlt. Das „mehr“, was nur man selbst kennt. Es fehlt die Verletzlichkeit, die in anderen Szenen durch sehr bildhafte Sprache aussagekräftig getroffen wird. So zum Beispiel in einer Anekdote aus dem Leben einer Darstellerin, in der sie auf ihrem Weg zur Schule ihr eigenes Spiegelbild im dunklen Fenster der S-Bahn studiert.

Die Ärzte erscheinen ein letztes Mal. Sie verbinden, schmieren, sprühen, bearbeiten, korrigieren und optimieren, bis die Figuren kaum noch zu erkennen sind. Ein trauriges Bild, wie man sie auf der Bühne hocken sieht mit den operierten Gesichtern. Wie an Fäden gezogene Leichen stehen sie geistesabwesend und synchron auf – willenlose Zombies. Dies sind die krassesten Sekunden der Vorstellung, in denen man das süße Schneewittchen vom Anfang endgültig aus den Augen verloren hat. Nun stehen sie in engen hautfarbenen Klamotten auf der Bühne und sind weder hässlicher noch schöner als vorher.

Die Berliner liefern zwar einen gelungenen Überblick über das Thema, schaffen es bis zum Ende jedoch nicht, tiefer zu gehen als bis zur rein erklärenden Reproduktion von Erlebnissen. Es gab in der gesamten Performance wenige Gegenpole zur Schönheit, kaum einen einzigen Flecken Schmutz auf den weißen Shirts. Den Spielerinnen scheint ihr eigene Wirkung als Menschen, die für ihr Aussehen und ihre Anmut bewundert werden, nicht bewusst zu sein. Sie können sich daher nicht von einer oberflächlichen Darstellung lösen „und am Ende stehen sie da immer noch so schön!“ (O-Ton Blogredakteurin Alex).

Vorab-Interview Vanessa, Berlin (PDF-Version)

Vorab-Interview Lina, Berlin (PDF-Version)

Seelische Klaustrophobie

Bayern spielt „Spurensuche“ auf der Studiobühne

Bei uns in Hamburg gibt es eine Gedenkstätte: das KZ-Neuengamme. Mittelstufenschüler meiner ehemaligen Schule unternehmen jährlich eine Exkursion zu diesem riesigen unscheinbaren Gelände irgendwo zwischen Wandsbek und Bergedorf. Sie sollen konfrontiert werden mit den Schrecken des Nationalsozialismus. Dafür werden sie mit der S-Bahn einmal quer durch die Hansestadt gekarrt und nach einer bummeligen Juckel-Tour mit einem Linienbus vor dem nicht mehr vorhandenen Haupteingang des Lagers ausgespuckt. Wenn sie aussteigen, sind die meisten erst einmal enttäuscht: „Hier steht ja fast gar nichts mehr…“. In solchen Situationen platzt dem zuständigen Lehrer erfahrungsgemäß der Kragen, doch kann er wirklich erwarten, dass ein Ort über Generationen hinweg Geschichte vermittelt? Funktioniert die menschliche Empathie nicht anders? Die Theater-AG des Ernst-Mach-Gymnasiums Haar meint schon, und begibt sich auf eine interaktive Spurensuche nach der Euthanasie-Vergangenheit ihres Heimatortes, der sich der Zuschauer nur sehr schwer entziehen kann.

Euthanasie meint eigentlich Sterbehilfe, wurde von den Nationalsozialisten aber als Euphemismus für die systematische Ermordung und Sterilisation behinderter Menschen verwendet. Geht man mit diesem Vorwissen in die Vorstellung der Bayern, stellt sich bereits ein mulmiges Gefühl ein, wenn man zusammen mit den anderen Zuschauern den engen Gang zur Studiobühne des Kieler Schauspielhauses entlangdrängt. Aus dem abgedunkelten Raum wabert melancholische Musik. Beim Tritt über die Türschwelle stellt sich kurz die Assoziation eines Nachtclubs ein – das mit Zuschauern gefüllte Quadrat, welches den Großteil des Raumes einnimmt, sieht einer Tanzfläche nicht unähnlich. Die Darsteller aber, die an den Seiten des Raumes auf einem Laufsteg stehen und dem Publikum den Rücken kehren, unterstreichen den ernsten Tonfall der Musik und relativieren eine Nachtclubatmosphäre. Nachdem die Situation einige Minuten Zeit hatte zu wirken, wendet sich das Ensemble dem Publikum zu und das eigentliche Schauspiel beginnt. Ganz langsam ziehen sich die Figuren in eine Ecke des Raumes zurück und halten den Blickkontakt mit möglichst vielen Zuschauern aufrecht. Sie holen tief Luft und keifen mit maximaler Intensität: „Du!“ Der schneidende Befehlston geht durch Mark und Bein. Man fühlt sich erniedrigt, allein, unmittelbar gemeint. Ein Damm ist gebrochen und lässt die Einflüsse der nächsten 60 Minuten ungehemmt einfließen. Man kann nicht fliehen, ist dem Spiel, das die Darsteller mit einem treiben, schutzlos ausgeliefert. „Alle Personen unter 1,70 Meter gehen in diese Ecke, alle Personen über 1,70 Meter in jene!“ Einige Zuschauer überlegen, sich zu widersetzen, letztendlich geben alle nach. Man wird herumkommandiert, belehrt, eingeschüchtert – die enge des Raumes tut ihr Übriges, um eine seelische Klaustrophobie zu verursachen. In diese Simulation wird nun Wirklichkeit eingespeist. Biografische Ausschnitte verfolgter Personen tönen aus den Lautsprechern. Kein Buch und kein Kinofilm könnten der Empathie einen besseren Nährboden bereiten als diese körperliche Ausnahmesituation.

„Spurensuche“ möchte um jeden Preis berühren, ja zwingt regelrecht zur Betroffenheit. Vielleicht schießt die Gruppe übers Ziel hinaus und schabt an der Grenze zum Pathos, wenn sie mit roter Farbe „Leben lassen!“ an eine weiße Wand schreibt – mit solch einem Vorgehen kann man sich heutzutage wieder Feinde machen. Gerade hier wird aber auch der Mut deutlich, der das Stück ausmacht. Mut zur Wahrheit und zur Aufopferung, der als Gegenpol zu rechten Strömungen unerlässlich ist. Gerade junge Menschen sind ohne Enthusiasmus schwer zu erreichen und brauchen vielleicht statt Gedenkstättenbesuchen Erlebnisse wie dieses.

Vorab-Interview Annika, Bayern (PDF-Version)